Bericht aus einem ruhigen Hafen
30. iv. 26
»In größerer Nähe«, lässt Vergil Aeneas erleichtert aufatmen, als seine Flotte die Küste Apuliens erreicht, »öffnete schon sich der Hafen, man sah des Minervabergs Tempel.«
Ich muss weder Segel »reffen«, noch »die Hintersteven zur Küste« kehren. Doch ich habe mich mit der Korrekturfahne meines neuen Romans in ein Kloster zurückgezogen, bloß einen kurzen Spaziergang von Castro entfernt, der Festung, die Aeneas und seine Mannschaft vor rund 3 200 Jahren erblickten. Sie wurden von Minerva begrüßt, wir werden von Lady Athena empfangen, der Hüterin des Klosters, das einst von Franziskanermönchen als Zufluchtsort im pestgeplagten Europa erbaut wurde. Vier Jahrhunderte später geplündert und dann in eine Tabakfabrik umgewandelt, wurde das Kloster von Athena und ihrem Mann während des Übergangs von einem Jahrtausend zum nächsten vor dem Verfall gerettet und in eine Arche aus honigfarbenem Stein verwandelt – gefüllt, soweit ich das zu beurteilen vermag, mit praktisch jedem Artefakt, das nötig wäre, um die menschliche Kultur zu retten, sollte die Welt eine neue Sintflut erleben, einschließlich vierzehn Tonnen bedrucktes Papier.
Im Morgengrauen stolpere ich schläfrig durch Gänge, deren Wände bis zur Decke reichende Regalen säumen, mit Gitterwänden, die vertikale Buchtitel in Moiré-Rätsel verwandeln, Treppen hinab, die von afrikanischen Figuren bewacht und mit Textilien aus Zentralasien ausgekleidet sind, über den beeindruckenden Innenhof, durch ein Hintertor und schließlich in den Olivenhain hinaus, wo die Erde, noch feucht vom nächtlichen Nieselregen, die Sinne belebt. Die salzige Brise lässt die Blätter zittern, als würden sie leise über mich lachen.
Nach einem Vormittag im Arbeitszimmer, beaufsichtigt nur von The Duke, dem riesigen, sich bewegenden, schneewehengleichen Hund des Haushalts, sowie Pedro, seinem halbblinden, kaffeefarbenen Kumpanen, gibt es Mittagessen, dann einen Besuch bei den Kakteen im Dachgarten. Oh, die Kakteen! Launisch und streitsüchtig, knollig und hochmütig, ähneln sie nichts so sehr wie den Worten, die ich im Erdgeschoss zu umschmeicheln versuche. Das weitere Korrekturlesen wird am späten Nachmittag vertagt. Es gibt Espresso und Zeitungen in einer Ecke oder Drinks am Pool. Oder Ausflüge ins Nachbardorf, in Bars, ans Meer. Wenn die Nacht hereinbricht, bringt das Abendessen ersehnte Gesellschaft und Genüsse sowie eine Streuung von Sternen am teerigen Himmel.
Nach einer Zeit, die sich wie eine Ewigkeit anfühlt, aber nicht einmal eine Woche währt, gestärkt durch die strahlende Ruhe des Klosters, entlasse ich meine kakteenartigen Worte und wünsche ihnen unzählige – sowie verletzungsfreie – Begegnungen auf ihrer Reise in die Ferne. Oder wie Dryden es (mit kleinen Abwandlungen) in seiner Übersetzung der Aeneis von 1697 formuliert, die ich eines Morgens in einer Nische entdeckte, bewacht von einem hölzernen Kardinal in scharlachroter Robe, dessen leere, riesige Handflächen ausgestreckt waren, als wolle er Abschied nehmen – ganz ähnlich wie die turmhohen Klippen, »zwei Mauern vergleichbar«, die einst das Gegenteil taten und Aeneas in einen sicheren Hafen lockten:
Breathe on their swelling sails a prosp’rous wind,
And smooth their passage to the ports assign’d!
*
In der deutschen Übersetzung der Aeneis von Johann Heinrich Voß aus dem Jahr 1799, die am Anfang zitiert wird, lauten die abschließenden Zeilen: »Götter, allmächtig zu Wasser, zu Lande, Gebieter der Stürme, / bitte, erleichtert die Fahrt uns, sendet uns günstige Winde!«