Im Gelben
7.IV.26
Auf dem Heimflug aus dem Ausland, wenige Tage nachdem ich das Manuskript zu einem neuen Roman mit dem Titel Yellow abgegeben habe, stelle ich fest, dass ich vor einem Vierteljahrhundert in einem Essay Joseph Conrad zitiert habe. Es handelt sich um die kursiv gedruckten Sätze einer Beschreibung, die in etwas ausführlicherer Form wie folgt lautet: »However, I wasn’t going into any of these. I was going into the yellow. Dead in the center. And the river was there – fascinating – deadly – like a snake. Ough!«
Während der Arbeit, die kurz nach dem Erscheinen von Die dünnen Götter begann, habe ich kein einziges Mal an diese Passage gedacht. Dabei hatte ich mir laut der ersten Arbeitsnotiz ohnehin vorgenommen, das Buch, von dem noch kein Wort existierte, mit einem nicht näher bezeichneten Motto aus dem vorherigen Roman zu versehen: »das Licht ist, das eine sich windende Schlange ein dampfendes Rückgrat ist«. Dazu kam es nie, vor allem, weil diese »Schlange« – in meinen Gedanken sollte es ebenso sehr um einen konkreten Fluss gehen wie darum, wie der Text geschrieben werden sollte (= serpentinenhaft) – bald durch einen Salamander ersetzt wurde. Der Fluss blieb im Text erhalten, wesentlich wichtiger erwies sich jedoch das Schmelzwasser eines Gletschers, das den Wasserlauf in den Bergen westlich von Kabul im Sommer anschwellen lässt.
Als ich zufällig wieder auf das Zitat stieß, war es, als hätte mich etwas eingeholt. Bei Conrad steht das Gelbe für den Fleck auf der Karte (der in allen Farben des Regenbogens leuchtet), den Marlow zu Beginn von Heart of Darkness in einem Schiffsbüro in London entdeckt. Dort, im Kongo, herrscht die Kolonialmacht Belgien durch Gewalt, Korruption und tausend andere Exempel moralischen Bankrotts. Die vermeintliche Zivilisation, die tief in Afrika vorgedrungen ist, erscheint als tödliche Krankheit, nicht unähnlich dem Gelbfieber oder der Malaria. In Yellow kommen weder entgleiste Europäer noch tropische Krankheiten vor. Der Titel des Romans ist schlicht der Name, den die Protagonistin, eine achtzehnjährige Afghanerin, auf ihrer langen Flucht von Zentralasien nach Europa erhält. Ich wollte das Gelbe jedoch sehr wohl neu bewerten – nicht zuletzt im Lichte dessen, was die Farbe an einer Verkehrsampel signalisiert. Sich zu entschleunigen und darauf vorzubereiten, anzuhalten, schien mir der kürzeste Weg, den Zweck oder vielmehr die Hoffnung der Migration zu beschreiben. Wenn ich das Foto betrachte, das den Umschlag zieren wird, wenn das Buch im Herbst erscheint, ist es, als ob das schimmernde Schmelzwasser, das Yellow als kleines Mädchen erlebt, in einen Park oder auf einen Parkplatz versetzt worden wäre, vielleicht auch auf eine Mülldeponie irgendwo im ungerührten Europa.
Ough, ist der Ölfleck, der mit dem Glanz von etwas schimmert, das sich nicht mit Wasser vermischen lässt, also ein Bild gescheiterter Integration? Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe, dass es mehr bedeutet als das. In meinen – zugeben: kaum unvoreingenommenen – Augen scheinen die bronzefarbenen Wirbel dabei zu sein, die braunen Nuancen des darunterliegenden Bodens anzunehmen. Halb denaturiert sind weder das Öl noch die Wasserlache mehr dieselben. Schließlich signalisiert Gelb an einer Ampel eine Bewegung nicht nur von Grün nach Rot, sondern auch vom Stillstand zum Aufbruch.
Bild: Sergej Kichigin, Motoröl im Wasser, 2021