Wandernde Energien

14.XI.23

Nachdem die Lektoren des Verlags das vor einem Jahr eingereichte Manuskript über den russisch-amerikanischen Autor bis ins Kleinste geprüft haben, können die digitalen Dateien endlich auf die Wangen geküsst und auf ihre Reise zur Druckerei in Lettland verabschiedet werden. Zum ersten Mal habe ich es geschafft, während der Wartezeit nicht nur ein neues Buch zu beginnen, sondern auch fertigzustellen – eine Schrift, die deutlich schlanker ist als der Essay, der in wenigen Wochen mit breitem Rücken und poliertem Einband zurückkehren wird. Jetzt verspüre ich also keine Wehmut, keine hastige Leere nach vollendeter Arbeit. Ich bin mir unsicher, aber die stille Elektrizität, die meine Achselhöhlen und mein Zwerchfell kitzelt, erinnert am ehesten an die Freude, die Eltern mit einem erwachsenen Kind verbinden: Ihr Nachwuchs hat das Elternhaus verlassen, er kommt allein zurecht, er hat Geheimnisse, von denen die ältere Generation nichts weiß. Handelt es sich um Befreiung? Sicherlich. Eigenes Handeln? Auf jeden Fall. Vor allem aber: eine Unabhängigkeit, geprägt von Vertrautheit. Für beide Seiten.

Wenn ich im Manuskript des nächsten Buches blättere, komme ich nicht weiter als bis zum Motto – »… blitzende Elektrizität in der Nähe seines Solarplexus …« –, bis mir klar wird, dass die Energien schon längst in dieses neue Werk übergegangen sind. Dennoch handelt es sich um dasselbe schriftstellerische Nervensystem, gewoben aus Anfechtungen und Affekten, die – frech wie immer – andere Ausdrucksformen angenommen haben.