Unzeitgemässige Betrachtung

16.X.25

Seit mehr als einem Jahr steht ein Sack mit alten Kleidern in einer Ecke. Schließlich nehme ich all meinen Mut zusammen und fahre quer durch die Stadt zu einem Geschäft für den Wiederverkauf edler Herrenbekleidung, das mir empfohlen wurde. Die Verkäuferin macht allerdings sofort klar, ein Termin müsse vereinbart werden, sonst komme der Weiterverkauf auf Kommissionsbasis nicht in Frage. Nachdem ich lange genug geseufzt habe, hilflos und schließlich überzeugend, begutachtet sie die Kleidungsstücke. Wenn nichts in Frage kommt – es handelt sich um zwei Anzüge, eine von Torretta in Berlin geschneiderte Hose, ein Paar geerbte, aber zu kleine Galoschen –, muss sie in ihrem vollen Terminkalender schließlich keinen Termin für die Übergabe finden.

Schnell stellt die Verkäuferin fest, dass Galoschen und weite Hosen mit Schlag schon lange aus der Mode sind. Dann begutachtet sie den Savile-Row-Anzug (Zustand: zwischen very good und excellent), den Kopf leicht nachsichtig schüttelnd. Ihre Kunden würden sich niemals so… so… Sie sucht nach dem passenden Wort, bevor sie sich damit begnügt, die Stille sprechen zu lassen. Nur der zweite Anzug, von Herrn von Eden in Hamburg gefertigt, findet ihre Zustimmung. Zumindest ist der Schnitt »verrückt« genug, um Käufer anzulocken. Daraufhin schlägt sie einen Übergabetermin in drei Wochen vor.

Erschüttert, dass mein Geschmack zu drei Vierteln abgelehnt wurde, husche ich über die Straße und gebe alle Kleidungsstücke bei der Heilsarmee ab. Plötzlich weiß ich mehr als mir lieb ist, wie es sich anfühlt, unzeitgemäß zu sein. Als ich nach Hause komme, wasche ich mir schweigend die Hände.