Sand und Unwissenheit

1.V.24

An einem Frühlingstag in Essen setze ich mich an ein Kaiserpanorama. Es handelt sich um eines der wenigen erhaltenen intakten stereoskopischen Geräte. In regelmäßigen Abständen verschiebt sich die Bilderserie, und ich werde Zeuge einer neuen Szene aus der Geschichte. Die postkartengroßen Bilder in 3D avant la lettre wurden alle gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgenommen. Ein Hinterhof in Marseille. Der Markt in Marrakesch an einem frühen Frühlingsmorgen. Wellen, die an die Promenade einer namenlosen Stadt an der libanesischen Küste plätschern. Die Bilder sind von hinten beleuchtet, was sie in tausend Bernsteintönen schimmern lässt. Nachlässigerweise merke ich mir den Namen des Fotografen nicht, vielleicht handelt es sich um mehrere. Plötzlich jedoch werde ich, die Augen an die beiden bronzenen Gucklöcher gepresst, Zeuge einer Szene, von der ich den Blick nicht abwenden kann. Als die Bilderserie wechselt, rücke ich einen Stuhl weiter, damit ich dasselbe Bild weiter betrachten kann. Einige der folgenden Plätze sind von anderen Museumsbesuchern besetzt, aber mindestens sieben der zwölf Gucklöcher des Kaiserpanoramas sind frei. Erst als der Umlauf einmal vollständig vollzogen worden ist und ich wieder auf dem Stuhl sitze, auf dem ich die Sphinx von Gizeh entdeckt habe, verlasse ich den Saal. Meine Knie zittern ein wenig, als hätte mich die Bilder leicht aus der Fassung gebracht.

Das bin ich aber nicht. Schließlich habe ich die Statue aus verwittertem Stein schon unzählige Male in meinem Leben gesehen. Außerdem hängt seit vielen Jahren ein Foto aus etwa derselben Zeit vor meinem Schreibtisch. Wenn ich den Blick vom Rechner hebe, fällt er automatisch auf das sepia- oder vielmehr sandfarbene Bild. Lange hing es im Schlafzimmer. Nach diversen Umstellungen habe ich jedoch einen Nagel in eines der Regale geschlagen; seitdem verdeckt es einige der Bücher von Autoren, deren Nachnamen mit beginnen. Das Foto muss eines der ersten vom späteren Denkmal sein. Die Sphinx ruht auf Sanddünen; wer weiß, worüber sie brütet, umgeben von Wüste und Stille? In der Ferne zeichnen sich Pyramiden vor dem Himmel ab. Hier scheint die Zeit nicht in Tagen oder Jahren, sondern in Jahrhunderten gezählt zu werden. Sand, so weit das Auge reicht.

Um 1880 dokumentierte Pascal Sebah, ein syrischer Katholik, das Leben im östlichen Mittelmeerraum – darunter auch das in Kairo und Umgebung. Osmanen, Kurden, Griechen, Juden, Kopten… Irgendwie scheinen die Menschen vor seiner Kamera entspannt und »sie selbst« gewesen zu sein. Zwanzig Jahre zuvor hatte er seine Laufbahn in Konstantinopel begonnen, 1873 eröffnete er in der ägyptischen Hauptstadt ein Atelier, das mit der Zeit berühmt werden sollte. Im Internet lese ich, dass er nicht nur 1873 anlässlich der Weltausstellung in Wien (wo er für den türkischen Pavillon verantwortlich war) das Werk Les Costumes Populaires de la Turquie herausgab, sondern auch einer der Ersten war, der aus dem Bedürfnis der Menschen nach Souvenirs von ihren Reisen in fremde Länder Kapital schlug.

Ich vermag nicht zu sagen, ob das Foto, das ich vor vielen Jahren bei einer Auktion ersteigerte, ursprünglich ein solches Andenken war. Wahrscheinlich nicht. Das Format ist etwas zu groß, obwohl es vielleicht verkleinert und in Postkartengröße vervielfältigt wurde. Auf Wikipedia finde ich ähnliche Bilder aus derselben Zeit. Eines wurde von einem gewissen Henri Béchard aufgenommen. Der Blickwinkel ist fast der gleiche wie bei Sebah, die Lichtverhältnisse ebenfalls. Während auf dem Foto des Syrers nur eine Person – vermutlich ein Reiseführer – vor der monumentalen Statue steht, sind auf dem des Franzosen jedoch mehrere Männer zu sehen. Ich zähle. Fünf an der Zahl. Zwei sitzen auf dem, was von der linken Pfote übrig ist, zwei andere unterhalten sich im Sand vor der Statue, der fünfte scheint ein paar Meter entfernt in einer Senke zu sitzen.

Der Kleidung nach zu urteilen könnte einer der Männer auf der Sphinx mit dem Einzelgänger auf Sebahs Bild identisch sein. Die Kleidung und die Körpersprache sind auffallend ähnlich. Ich hebe den Blick auf das Foto vor meinem Schreibtisch. Je länger ich den Mann im wärmenden Kaftan und mit einem Stab in der Hand betrachte, desto deutlicher scheint er kein Führer zu sein, der Besucher zu der rätselhaften Schnittstelle zwischen Tier, Mensch und Stein begleitet, sondern im Gegenteil deren Beschützer. »Bis hierher und nicht weiter«, scheint seine Haltung zu sagen. Oder: »Sehen, aber nicht anfassen.«Als ich erneut die Handyfotos heraussuche, die ich durch die Gucklöcher des Kaiserpanoramas aufgenommen habe, wird mir klar, das bernsteinfarbene Foto in der Diashow muss nach Sebahs Besuch entstanden sein. Vor der Sphinx hat sich eine Grube gebildet, aus der sich etwas erhebt, das einer Balustrade und einem dunklen Steinblock ähnelt. Ich vermute, dass Archäologen bereits mit den Ausgrabungen begonnen hatten. Auf Sebahs Foto steht der Wächter auf einer Sanddüne, die die darunter liegenden Formationen noch verbirgt. Hier ist die Zeit, denke ich, noch Sand und Unwissenheit.