Antworten auf vierzehn Fragen zur Nacht

6.ii.24

In jüngeren Jahren arbeitete ich gerne in die Nacht hinein. Heutzutage ziehe ich es vor, aus der Nacht kommend zu schreiben. Am besten funktioniert es mit der Dunkelheit im Rücken, frühmorgens, wenn Schlaf- und Wach-Ich, diese zweieiigen Zwillinge, noch denselben Blutkreislauf teilen. Herrlich zu erleben, wie die zunehmende Gehirnhelligkeit mit dem Tagesanbruch gemeinsame Sache macht.

Früher saß ich fromm und stur am Schreibtisch, er war meine Insel einer unruhigen Glückseligkeit. Vor ein paar Jahren entdeckte ich jedoch das Bett als Arbeitsplatz. Welche Überraschung! Bis dahin herrschte eine gusseisenstandhafte Ordnung: Überlegungen zur Schöpfung fanden im Gehen statt, geschrieben wurde im Sitzen, gelesen im Liegen. Nunmehr arbeite ich ebenso oft ausgestreckt auf der Tagesdecke – wie einst Colette, die französische Varietékünstlerin, die Romancier wurde und es vorzog, im Bett zu werkeln, umgeben von Pudeln und Pralinen. Anders gesagt: Heute spielt der Arbeitsplatz keine Rolle mehr, solange ich allein sein darf. Und das Licht? Ich ziehe den Tag als Quelle vor. Am liebsten soll die Sonne durch vorgezogene Gardinen schimmern. Nichts gegen die Außenwelt, aber »Diskretionsabstand« zu halten, wie die Ermahnung lautete, die früher am Boden der Postfilialen klebte, tut der Wachsamkeit gut.

Schlaflosigkeit ist ein weites Feld. Es gibt unruhige Seelen, die vor allem Schwierigkeiten haben einzuschlafen. Die Gedanken kommen nicht zur Ruhe, die Sorgen des Lebens wetteifern um Aufmerksamkeit, und im Hinterkopf wird noch dazu Poker gespielt. Es gibt aber auch Seelen, deren Qualen eher damit anfangen, dass sie vor der Dämmerung aufwachen – in der »Stunde des Wolfes«, wie wir auf Schwedisch sagen. Biochemisch ist der Mensch zu dieser Zeit am schutzlosesten. Sein Blutdruck, der Puls, sein Atem – um vier, halb fünf Uhr morgens, sind unsere grundlegenden Körperfunktionen am schwächsten, doch das Stresshormon Kortisol schießt hoch. Und bald setzt sie ein, diese unselige Angst, nicht wieder einschlafen zu können, was die Aussichten, ins Reich der Träume zurückzukehren, entsprechend verschlechtern. Wenn einen diese Furcht wachhält, wachsen Lappalien, wie die Unsicherheit, ob es noch genügend Milch für den Morgenkaffee im Kühlschrank gibt, zu Massiven des Elends.

Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Der Trick des Einschlafens gelingt mir praktisch immer. Augen zu und schwups: ich gleite in tieferes Wasser hinunter. Dagegen ist das Auftauchen vier, fünf Stunden später keine besondere Sternstunde. Selten fühle ich mich so blass und verlassen; über mir waltet der pechschwarze Himmel der Decke, kein Funken der Hoffnung weit und breit. Der Pyjama wechselt noch dazu seine Form. Nun ist er nicht länger die Froschmannbekleidung des Schlafenden, sondern mutiert zur gestreiften Wäsche eines Häftlings im Gefängnis seines Bewusstseins. Früher bin ich aufgestanden, habe mich an den Schreibtisch gesetzt und versucht, auf besonnenere Gedanken zu kommen. Gelegentlich tue ich das immer noch. Aber bitte, wenn Sie wissen, wo ich mir einen sanften Hammer besorgen kann, mit dem ich mich ohne Kollateralschäden bewusstlos schlagen könnte, verraten Sie’s mir!

In jüngeren Jahren war es ein asoziales Vergnügen, bis vier oder fünf Uhr, manchmal sogar in den Tag hinein zu arbeiten. Die Welt atmete wesentlich ruhiger, ich fühlte eine Verschworenheit mit der Nacht. Ich mag diese dunkle Konspiration noch immer, auch wenn sie auf Grund von veränderten Lebensumständen seltener geworden ist. Wenn meine Frau verreist, merke ich, wie der Tagesrhythmus sich verschiebt. Die erste Nacht wird das Licht noch um Mitternacht ausgemacht, in der nächsten dann aber erst um eins, halb zwei, ein paar Tage später brennt es bis drei, halb vier Uhr … Für jede einsame Nacht, kehre ich weiter ins gemeinunnützige Junggesellenleben vor einem halben Jahrhundert zurück. Es ist tröstlich, wenn wieder eheliche Ordnung herrscht. Sie resozialisiert mich.

Wie ich mich bei unfreiwilliger Schlaflosigkeit fühle? Wie eine menschgewordene Mülltonne. Diese seltsame Mischung aus Gedankenleere und Gehirngrütze, grauenhaft.

Und bei der freiwilligen? Ich werde zu einem Paradoxon: bin gleichzeitig geborgen und befreit.

Ich habe nie Vergleiche angestellt, aber hege den Verdacht, dass Worte, die während der Nacht entstehen, dazu neigen, diskreter, friedlicher, geradezu milde im Ton zu sein. Vielleicht ähneln sie dem Tuscheln der Geliebten. Oder dem gedimmten Flüstern des Betenden. Wenigstens besitzen sie – auch wenn der Text ein wüstes Durcheinander beschreibt – eine angenehme Sänfte; sie werden von einer Duldsamkeit mit den Makeln und Wunden des Lebens getragen, die während des Tages schwerer zu erreichen ist. Oft genug habe ich allerdings die Gegenerfahrung gemacht, dass Worte, die während der Nacht aufs Papier gewispert wurden, bei Tageslicht verblassen. Sie wirken immer noch vertraulich, aber auch energielos, fast als wurden sie mit aschener Stimme geäußert.

In meinem letzten Roman, Die dünnen Götter, der demnächst auf Deutsch erscheint, arbeitet die Hauptperson am liebsten nachts. Ache Middler heißt er. Geboren 1949 entdeckt er als Jugendlicher erst die Poesie, dann die Rockmusik. In downtown Manhattan der 1970er Jahre, bevor er ein scheuer Star det Szene wird, ein weisser Schwan unter lauter schwarzen, schreibt er Lieder nicht nur während der Nacht, sondern auch an sie. Der Durchbruch kommt mit »Delivery«, was eigentlich ein Neonschild im Fenster eines Gemischtwarenladens ist, für Ache jedoch die Fähigkeit der Musik signalisiert, Menschen hinreißen zu können. Das neonflatternde Wort – das ja »Lieferung« bedeutet, aber auch eine »Erlösung« ahnen lässt – enthält das flimmernde Versprechen der Nacht.

Die deutsch-jüdische, in Schweden lebende Dichterin Nelly Sachs sprach einst von »dieser nächtlichen Dimension«. Im Roman habe ich mir erlaubt, den Ausdruck zum Titel des ersten Gedichts, das Ache in New York schreibt, zu machen. Der Ausdruck wird zum Schlüssel für einen Menschen, der »Befreiung in seinem Inneren« sucht. Ähnlich dürfte Sachs gedacht haben. In den ersten zehn Jahren nach der Flucht aus Berlin im Mai 1940 musste sie ihre betagte Mutter in deren Einzimmerwohnung rund um die Uhr pflegen. Schreiben konnte sie nur während der Nacht, bei schlechtem, meistens keinem Licht. Die dunklen Stunden waren für sie die ausgedehnte Zeit des Alleinseins mit Stift und Papier, aber auch der Befreiung. Nachts verlor die Welt ihre Wände. Es gab keine sichtbaren Einschränkungen mehr, das Leben erweiterte sich ins Imaginäre. Ich glaube, diese etwa 10 mal 365 Nächte, bevor Margarethe Sachs aus dem Leben schied, erlösten Sachs als Dichterin.

Der Schlaf dient der Regeneration. Keine Ahnung, wo die Seele sich während dieser Wiedererfrischung mittels Abschaltung befindet. (Nein, nein, ich weiß nicht einmal, wo sie sich während des wachen Teils des Lebens aufhält.)

Was die Dunkelheit mit Menschen macht? Das fragen Sie den Sohn eines Griechen und einer Österreicherin, der im hohen Norden aufgewachsen ist? Wie gern ich auf die dämliche Dunkelheit schimpfe, die hier im Winter herrscht. Wie kann sie nur die Dreistigkeit haben, sich bereits kurz nach zwei Uhr nachmittags herab zu senken, um sich erst gegen halb neun am folgenden Morgen wieder zu verabschieden? Knappe sechs helle Stunden am Tag! Verstehen Sie wirklich, wie geizig die Sonne auf unseren Breitengraden ist?

Ende der 1740er Jahren gab der englische Bischof Edward Young eine Reihe von »Nachtgedanken« auf Blankvers heraus, die Dank der Illustrationen von William Blake ein halbes Jahrhundert später zu einem Kultbuch der Romantiker wurde. Für manche waren seine Gedichte sogar »die größte und prächtigste Poesie, die das Genie der Menschheit je geschaffen hat«, wie James Boswell in seinem Tagebuch urteilte. Ich glaube, die Schlaflosigkeit stellte eine erhöhte Bewusstseinsform dar; sie versprach eine gesteigerte Empfindsamkeit nicht nur für die Schattenseiten des Lebens, sondern auch – vielleicht vor allem – eine bis dahin unbekannte geistige Empfänglichkeit. Novalis‘ »Hymnen an die Nacht« enthalten die deutsche Sicht auf die nächtliche Dimension, in der das Ich seine innere Unendlichkeit wahrnimmt. »Trägt nicht alles, was uns belebt, die Farbe der Nacht?« – so, oder so ähnlich, fragt er sich (rhetorisch, versteht sich).

Einer der Urväter der modernen Poesie, Charles Baudelaire, meinte einst, »wir Menschen schlafen tagtäglich mit einer Kühnheit ein, die unerklärlich wäre, wenn wir nicht wüssten, dass sie auf der Ungewissheit um die Gefahr beruht«. Um einzuschlafen, muss ein Mensch in der Lage sein, den Kopf unter dem Arm zu tragen, wie es im Schwedischen heißt. Kurzum: Für ein Bewusstsein, das sich nicht dumm zu stellen vermag, bleibt der Schlaf ein Wunschtraum.

Émile Cioran, der Rumäne, der nach dem zweiten Weltkrieg nach Paris zog und bald das schlagfertigste Französisch nach Baudelaire schrieb, litt bekanntlich sein Leben lang an Schlaflosigkeit. Die meisten seiner Texte scheinen während der Nacht zustande gekommen zu sein. Er war ein Weltmeister der Melancholie, der nachts immer wieder über »die Ungelegenheit, geboren worden zu sein«, nachdachte. Seine Notate, gesammelt in carnets der Sorte, die Student*innen in den Papierwarenläden um den Place St.-Michel noch immer kaufen, sind knisternd schwarz und verzweifelt, aber erfreulich oft auch grandios munter. »Den Schlaf zu betreten«, merkt er an einer Stelle an, »heißt, ein Schlachthaus zu betreten.« Auch für Nicht-Vegetarier dürfte es schwer sein, bei der Lektüre solcher Aussagen nicht aus Verlegenheit zu lachen. Während einiger Stunden wird das Dasein zu einer Frage der Fleischerei reduziert, denn der Schlaf unterbricht die Stetigkeit des menschlichen Bewusstseins. Wer weiß schon, was den Körper erwartet, wenn die letzte Glühbirne im Hinterkopf ausgeschaltet ist?

Die Fragen wurden von Die Zeit gestellt.