Aderlass
5.IX.24
In der Kategorie »Abschied vom Manuskript« sind nun die Vorlesungen an der Reihe, die ich im Frühjahr gehalten habe. Sie erhielten den Titel Solarplexus, vor allem deshalb, weil Mediziner bis heute nicht sagen können, wo genau sich unser größtes autonomes Nervengeflecht im Körper befindet. Der Titel schien mir eine Metapher dafür zu sein, wie die Literatur wirkt, wenn sie zumindest mir nahegeht. Ganz gleich, ob sich ein Text drastisch anfühlt wie eine Faust in der Magengrube oder belebend wie ein Knäuel Elektrizität, der sich bis in die kleinsten Zehen und Finger verzweigt – es fällt mir schwer zu entscheiden, wo die Quelle dieser Empfindungen zu suchen ist. Zu dem, was Literatur unverzichtbar macht, gehört, nehme ich an, dass ihre Empfindungen ebenso schwer zu lokalisieren wie unmöglich zu leugnen sind.
»Vorlesungen« klingt jedoch unnötig hochtrabend; in meinem Fall handelte es sich eher um Betrachtungen. Worüber? Über einen Schriftsteller und seinen Körper. Die jährlich in Frankfurt stattfindenden Poetikvorlesungen verlangen bekanntlich nicht nur Standpunkte zur Literatur, sondern auch Reflexionen über das eigene Schaffen. Der Eindruck mag täuschen, doch etwas in mir sträubt sich gegen Aussagen über die Person hinter den Werken, die meinen Namen trägt. Wenn es geht, spreche ich lieber durch die Blume. Vielleicht, weil gepflegte Indirektheit oder das Sprechen in der dritten Person Singular die Situation desinfiziert? Schließlich sind hygienische Verhältnisse und ein gewisses Maß an Kühle erforderlich, damit schreibende Wesen, die gebeten wurden, eine Vivisektion an sich selbst vorzunehmen, den Operationstisch aus eigener Kraft verlassen können.Nachdem ich das überarbeitete Manuskript per E-Mail an den Verlag geschickt habe, frage ich mich, ob es mir gelungen ist. Es fühlt sich an, als hinterlasse der Anhang Spuren im digitalen Raum. Blut, Chemikalien, lose Nervenfasern? Unmöglich zu sagen. Dennoch verspüre ich eine schwerelose Erleichterung bei dem Gedanken an den Aderlass. Und daran, mit ein paar zukünftigen Narben davongekommen zu sein.