In sechzig Minuten um die Seele

Assoziationen · Übersetzung: Paul Berf · Literaturen · 2006, Nr. 5, S. 7–8


Handelt es sich um die Einmann-Yacht eines Weltumseglers, gestrandet in Wiens neuntem Bezirk? Oder um ein U-Boot, getarnt mit in die Jahre gekommenen persischen Teppichen? Ist es vielleicht die ornamentierte Haut einer Urzeit-Echse, die zum Trocknen aufgehängt wurde? Oder eine aus einem Harem entwendete Kostbarkeit – jenes Kleinod, in dem noch die verbotenen Gedanken sitzen wie Zigarrenrauch in Kleidern?

Flaubert soll die Couch, auf die er sich zurückzog, um abzuwarten, dass die Erzählung erneut Fahrt aufnahm, die „Marinade“ genannt haben. Nur ein beruhigendes Stündchen in dieser Salzlake konnte Ordnung in die widerspenstigen Elemente bringen, die seine Arbeit blockierten. Hier erweichten fixe Ideen, hier schöpften schwache Phrasen Kraft. Wenn Flaubert aufstand, enthielt sein Gehirn keine disparaten, unterschiedlich gewürzten Einfälle mehr, sondern ein Gewebe aus Verbindungen, durchdrungen von der gleichen Würze. Das Rätsel einer Erzählung war immer auch das Rätsel von der Verbindlichkeit der Gedanken.

Für Freud hatte der Diwan augenscheinlich die entgegengesetzte Bedeutung. „Noch eines, ehe Sie beginnen“, ermahnt er den Patienten 1890 in einem Text über Behandlungstechnik: „Während Sie sonst mit Recht versuchen, in Ihrer Darstellung den Faden des Zusammenhangs festzuhalten, und alle störenden Einfälle und Nebengedanken abweisen ..., sollen Sie hier anders vorgehen.“ Während der Stunde auf dem Diwan durfte nichts als unwichtig oder trivial aussortiert, nichts als heikel oder unangenehm verbannt werden. Kritische Einwände hatten hier ebenso wenig zu suchen wie übertriebene Diskretion. „Sagen Sie also alles, was Ihnen durch den Sinn geht.“

Flauberts Couch war ein Ort, an dem Überlegungen in Ruhe gedreht und gewendet wurden. Die Marinade konservierte die Gedanken vor der langen Segelfahrt von Autor zu Leser. Freud sah den Diwan eher als den Ort, an dem die Knäuel der Seele entwirrt wurden. Hier ging es nicht um eine haltbare Verbindlichkeit, sondern um eine weichere Form von Verknüpfung: um Assoziation. Es gab keinen Kompass, der die Richtung des Gesprächs angab, keinen roten Faden, der Heimathafen und Ziel verband. Das Ruder der alltäglichen Konversation wurde herausgezogen. Der Patient sollte frei assoziieren, und weder er noch der Analytiker konnten im Voraus sagen, auf welchem Breitengrad das Boot am Ende der Séance gesichtet werden würde. Für Freud wie Flaubert bildete das Säurebad des Diwans gleichwohl den Ausgangspunkt. Oder besser: den Ursprung. Denn nur hier gab es das Fluidum, das einer älteren Quelle entsprang als den vergoldeten Wasserhähnen der Vorsätze.

Es war sicher kein Zufall, dass Freud seine Chaiselongue mit Teppichen bedeckte. Der Patient sollte sich willkommen und umsorgt, ja, eingebettet fühlen. Die Textilien ließen das Gefühl des Kindes wieder lebendig werden, geborgen im Schoß der Mutter zu ruhen, behütet und verstanden. Der Diwan musste ja über die bodenlosen Wasser des Unbewussten tragen. Sicher ruhend, konnte der Analysand alles äußern. Für Freud war keine Last so schwer, dass sein Mutterschiff sie nicht hätte tragen können.

Wie alle Eltern wissen, lässt sich ein Kind, das sich gegen eine Frage wehrt, zu keiner Antwort zwingen. Der einzige Weg, seine Zunge zu lösen, besteht in Ablenkungsmanövern. Das „Hm“ des Analytikers ist nichts anderes als die liebkosende Hand, mit der die festgezogenen Ventile der Seele gelockert werden. Wie die Geister, die aus Aladins Flasche aufsteigen, bilden die aufgestauten Gedanken des Patienten Wolken, die nun frei in der Luft schweben. Da erkennt man plötzlich die Züge einer Urszene, dort die Konturen eines Traumas. Der Diwan ist also auch die Bahre, auf der sich die Seele ungestört Vivisektionen widmen kann, assistiert von einem Analytiker, der unendlich zuvorkommend ist, sich jedoch niemals einmischt.

Als Typus hat der Psychoanalytiker mehrere Vorbilder. Eine Zeit lang war es der Hypnotiseur, der den Patienten verzauberte und die Sprache vom Willen entband. Ein anderes Mal war es der Chirurg, der seine Nerven sezierte und das kranke Gewebe entblößte. Und manchmal blieb es dem Beichtvater überlassen, den Bekenntnissen zu lauschen und eine Kur zu verordnen. Wenn jeglicher Hokuspokus aus der Requisitenkammer entfernt worden ist, bleibt womöglich einzig dieses Vorbild zurück: der Ober im Wiener Kaffeehaus. Er ist der Steward auf dem Deck der Seele. Wenn sich der Analytiker Notizen in seinem Block macht, nimmt er ja kaum mehr entgegen als Bestellungen. Wunschträume, Zwangsgedanken, sogar Drohungen: der Patient zeigt an, wonach ihm ist. Noch weiß er nicht, wie die Gerichte schmecken werden. Mit der Zeit wird es Aufgabe des Analytikers sein, sie so zu präsentieren, dass sie genießbar sind. Und wie der Ober darf er nicht im Ungefähren lassen, was der Besuch kostet. Im Gegenteil. Er sollte von Anfang an entschlossen sein, „Geldbeziehungen mit der nämlichen selbstverständlichen Aufrichtigkeit vor dem Patienten zu behandeln, zu der er ihn in Sachen des Sexuallebens erziehen will“. Der Unterschied zwischen einer Stunde beim Analytiker und einem Besuch in der Gaststätte ist ebenso offenbar: es gibt einen prix fixe, aber keine feste Speisekarte.

Der erste Teppich, den Freud auf seine Chaiselongue legte, soll ein Geschenk von Moritz gewesen sein, einem entfernten Verwandten, der später Freuds Schwester Mitzi heiratete. Moritz war Geschäftsmann in Thessaloniki, der kosmopolitischen Hafenstadt in Makedonien, und soll den Teppich bei einem Besuch in Izmir erworben haben. In den folgenden Jahren versah er seinen Verwandten in der Berggasse mit dessen gesamter Teppich- und Kissensammlung. Die Wandteppiche und Überzüge waren ein Hauch aus dem Vorderen Orient. Die Webstücke gemahnten an Tausendundeine Nacht, und es mangelte ihnen kaum an sexueller Ausstrahlung. Hier wurden immer auch Bettgeschichten erzählt.

Es fällt schwer, sich eine geglückte Séance auf einer nackten Couch vorzustellen. Zwar kritisierte Freud seine prüden Kollegen, die vor einer psychoanalytischen Technik zurückschreckten, die sie als allzu direktes Eindringen in das Sexualleben des Patienten empfanden. „Leben wir denn in der Türkei“, fragte er 1898 in einem Aufsatz, „wo die kranke Frau dem Arzte nur den Arm durch ein Loch in der Mauer zeigen darf?“ Aber eine entblößte Couch wäre zu obszön, hätte zuviel vom Operationstisch. Die satten Farben der Textilien und die kunstvollen Arabesken störten die Arbeit der Gedanken nicht, sondern beförderten sie. Bilden sie vielleicht das versteckte Muster der Psychoanalyse? Die Gedanken des Patienten sollen sich so frei bewegen wie fliegende Teppiche.

Auch das Wort diwân umweht ein Duft von exotischen Kräutern, lauen Winden, dunklen Gassen. In persischer Zeit stand es für einen prachtvollen Raum voller Bücher und Bücherrollen und Sitzmöbel. Es bedeutete „niedrige Couch“, aber auch „Schriftsammlung“, ja, sogar „Minister“. Ist der Analytiker folglich ein Buchhalter der Seele, der geduldig die Pergamentrollen der Psyche deutet, die Ligaturen und Lakunen der Gedankenspuren liest, Träume und Triebe in Erkenntnisse übersetzt? Warum nicht? Wie die fließenden Arabesken orientalischer Teppiche bilden die Ornamente der Assoziationen den Rahmen um ein Fenster zu einer Welt, die nicht direkt abgebildet werden darf. Ist dies nicht das Fenster zu einer anderen Welt, auf die sich der sehend nicht-sehende Blick des Patienten richtet? Man denke nur an die leere, von den Blumengirlanden und Putti des Stucks gesäumte Decke, zu der er aufblickt. Was könnte besser der weißen Leinwand entsprechen, auf die seine Seele ihr Theater projiziert?

„Benehmen Sie sich so, wie zum Beispiel ein Reisender“, schlägt Freud vor, „der am Fensterplatze des Eisenbahnwagens sitzt und dem im Inneren Untergebrachten beschreibt, wie sich vor seinen Blicken die Aussicht verändert.“ In der Psychoanalyse soll der Patient der Sehende am Fenster, der Analytiker der Blinde im Inneren sein. Doch nur der Blinde kann sagen, was die vorüberziehenden Aussichten bedeuten sowie welchen Film der Sehende tatsächlich erspäht.

Freud wollte, dass der Patient frei assoziierte, während der Analytiker am Kopfende saß, außer Sicht-, aber in Hörweite. Auch wenn im Prinzip alles gesagt werden konnte, sobald man auf der Couch lag, war doch nicht alles machbar. Der Diwan ist zum Beispiel kein Ort, an dem man ein Solo auf seiner Luftgitarre zupft. Und wer im Pyjama aufkreuzt, hat nichts verstanden. Handelt es sich also um business as usual, wenn der Patient für die Dauer einer Stunde seine körperliche Lage vergisst und sein Nervenleben untersucht? Wohl kaum. Wer vom Diwan als die gleiche Person aufsteht, hat nie auf ihm geruht. In sechzig Minuten um die Seele: Ohne dass sein Boot sich einen Millimeter bewegt hat, ist der Patient um seine eigene Achse gereist.