Die dünnen Götter

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Roman · Aus dem Schwedischen von Paul Berf · München: Hanser Literaturverlage, 2024, 528 Seiten · Umschlag: zero-media.net, München · ISBN: 978-3-446-27953-7

Umschlag

»Große Literatur, die von allem erzählt, was das Leben ausmacht: von Draufgängertum und Verletzlichkeit, von Sehnsucht und Kompromisslosigkeit und von der Liebe …« Dagens Nyheter

Ache Middler, ein Rockmusiker in seinen Sechzigern, lebt zurückgezogen in Berlin, als ihn der Brief einer sterbenden Frau erreicht. Jahre zuvor haben sie zusammen eine Nacht verbracht. Jetzt bittet sie ihn, ihrer gemeinsamen Tochter seine Geschichte zu erzählen. Ache blickt zurück: auf die Kindheit in Delaware und die trinkende Mutter, auf den Aufstieg im glamourös abgerissenen New York der 1970er, auf die ewigen Geldsorgen – und auf die drei Frauen, die ihn geprägt haben. Über Jahrzehnte verfolgt Die dünnen Götter die Gegensätze eines Lebens: zwischen draufgängerischer Maskulinität und Verletzlichkeit, zwischen Unabhängigkeit und Liebe. Ein Roman, der im Rausch des Undergrounds pulsiert, elektrisierend und lässig melancholisch zugleich.

*

Aris Fioretos, 1960 in Göteborg geboren, ist schwedischer Schriftsteller griechisch-österreichischer Herkunft. Bei Hanser erschien zuletzt Nelly B.s Herz (Roman, 2020). Für seine Übersetzungen – er übertrug u.a. Paul Auster, Vladimir Nabokov und Jan Wagner ins Schwedische – wie für sein eigenes Werk hat er zahlreiche Preise erhalten. Im Sommer 2024 hält er die Frankfurter Poetikvorlesungen. Aris Fioretos lebt in Stockholm.

Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, übersetzt Literatur aus dem Schwedischen und Norwegischen, u. a. Johannes Anyuru, Karl Ove Knausgård und Håkan Nesser. 2005 erhielt er den Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie, 2014 den Jane-Scatcherd-Preis.

Auszug

Wir wissen, dass es mit der Mutter begann. Dem Halbblut, das nur Knochen und Kanten war. Theresa Stern, Dichterin. Sie zog die Hemden aus, das eine weiß, das andere schwarz, indem sie mit den Händen über Kreuz den unteren Teil griff und sie sich über den Kopf zog. Der Slip folgte der Jeans. Kein BH. Aus irgendeinem Grund blieb ein Strumpf am Fuß.

Dann stampfte sie so ungeduldig auf, dass der Wecker am Bett zu Boden fiel. »Aus, aus, aus«, keuchte sie, die Lippen auf Aches, am Gürtel nestelnd. Ihre Nägel waren kurz, vielleicht abgekaut. Und schwarz lackiert.

Zehn kleine Kohlestücke, hatte er in der Bar gedacht, wo sie tranken und über den Sternenhimmel sprachen, bis keiner mehr Lust hatte, sich etwas vorzumachen. Auf dem Weg zu der Wohnung, die sie sich von holländischen Freunden lieh – die Nacht war lau und feucht, die Bleibe lag über einem asiatischen Restaurant –, bat sie um eine Marlboro Menthol. Er fragte, wessen Erkennungsmarke sie um den Hals trage. Sie richtete den Gummi, der ihr Haar gebündelt zusammenhielt. Lachend, die Zigarette zwischen spärliche Zähne geklemmt, schob sie den Arm unter seinen; Erklärungen könnten doch sicher warten?

In der dritten Etage schlug Theresa die Tür mit dem Ellbogen zu und zog in derselben Bewegung ihre Hemden aus. Ache bekam die Hose nur bis zu den Oberschenkeln herunter, als sie auch schon die Faust um seine Hemdbrust schloss und ihn an sich zog. Sie fielen auf die Matratze. Sie rücklings, er mit Hüfte und Brustkorb. Das Laken hob sich mit einem sanften Schock, ehe es landete – wie das Nachdenken, von dem keiner etwas wissen wollte.

Zwei Wesen, ruhelos vor Hunger. 

Als Ache erwachte, stotterte irgendwo ein Belüftungsrohr. Er lauschte eine Weile dem unseligen, wenngleich vertrauten Lärm, rauchte mit Theresa neben sich. Sie schnarchte nicht, aber er hörte, dass sie atmete. Ruhige Atemzüge, friedvolle. Manchmal bewegte sich die Erkennungsmarke, die, wie sie ihm erzählt hatte, die ihres Vaters gewesen war. Sie war nach innen gedreht, der Name nicht lesbar. Eigentlich hatte sie bloß »der Alte« gesagt; das mit dem Vater hatte Ache selbst ergänzt. Die Augen flackerten unter dünner Haut.

Als er sich angezogen hatte, überlegte er, ob er Theresa wecken sollte. Stattdessen hob er den Wecker vom Boden auf. Die Batterie war herausgefallen; er verglich mit seinem neuen Handy und stellte ihn. 8:22.

Sie hatten kein Kondom benutzt.

Eine Viertelstunde später schimmerten die Fenster auf der anderen Seite der Gracht unwirklich. Der Müll roch bereits, sein Kopf rauschte vor Müdigkeit. Verkatert ging er die Raadhuisstraat hinab zum Hotel. Nachdem er seine Sonnenbrille aufgezogen hatte, wandte er den Blick nach oben, zum wolkenlosen Himmel. Später erfuhr er, dass sich ein Fleck über den unteren Rand der Sonne bewegt hatte, dunkel wie geronnenes Blut, für das bloße Auge aber nicht zu erkennen. Da dachte er: ein bewegliches Einschussloch.

In der Bar hatte Theresa Gedichte rezitiert, während Ache sich an alte Liedtexte hielt. Als er ihr von seinem Traum erzählte, in der Musik aufzugehen, mit Knochen und allem, hatte sie die Nase gerümpft. Hohe Ansprüche. Sie selbst fand, dass »Kalk, Phosphor etc.« das Los des Menschen seien; das reiche ihr.

Kalk. Phosphor. Er mochte die Wörter.

Im Jahr darauf kam die Postkarte. Über der Briefmarke stand Hobo; die Druckerschwärze war schlecht, der Rest unleserlich. Die Vorderseite zeigte einen gewaltigen Nachthimmel mit brennenden Krümeln. Der größte Stern, eigentlich ein Planet, war von einem holprigen blauen Ring umgeben. Copyright: Planetary Society.

Theresa hatte an die Plattenfirma geschrieben. Obwohl Ache seinen Vertrag gebrochen hatte, leiteten sie die Postkarte in einem Umschlag weiter. In Sorge, das Unternehmen beabsichtige, den Vorschuss zurückzufordern – er hatte den größten Teil ausgegeben –, ließ er ihn zwischen Schuhlöffeln und anderem in der Schublade des Flurtisches liegen. So ging er meistens mit Sorgen um: ignorierte die Bedrohung, bis sie vorüberging. Wenn er etwas benötigte, kitzelte der Puls an den Handgelenken. Aber erst als Why ihm eines Vormittags den Umschlag reichte, nachdem sie bei ihm übernachtet hatte, verschwand das Gefühl von Gefahr. Es geschah, bevor sie zusammenzogen. »Kommt mir für eine Mahnung nicht dick genug vor.« So erfuhr er, wie das Kind hieß.

Seine Tochter war am 20. März 2005 geboren worden – im Morgengrauen, drei Tage früher als ausgerechnet. In den Minuten nach ihrem ersten Schrei war sie 48 Zentimeter groß und wog 2860 Gramm. Eine Welt im Miniaturformat, schutzlos, aber intakt. Nach dem Gruß an Ache und Informationen über die Entbindung ergänzte Theresa: »Ich möchte nur, dass du es weißt. Mark, Knorpel, Blut – du bist überall in ihr. Das ist genug.« Unstete Buchstaben, mit Kugelschreiber geschrieben, blaue Tinte in den geschwungenen Säcken der gs.

Ache schämte sich, weil die Neuigkeit ihn nicht so berührte, wie sie es tun sollte. Er, den man einst den Eiskönig genannt hatte, lebte ein zurückgezogenes Leben; die Erleichterung war größer.

Danach verging die Zeit.

Elf Jahre später bekam Ache wieder Post, diesmal war der Umschlag dick und mit Luftpolsterfolie wattiert. Als er selbst so alt war, wie seine Tochter gerade geworden war, hatte sich etwas ereignet, was ihn hatte glauben lassen, er wäre unsichtbar. Hingerissen stand er im strömenden Regen. Seine Lunge fühlte sich federleicht an, die Haut durchsichtig. Inzwischen war er sechs Mal älter und wusste es besser. Dennoch kam es immer noch vor, dass er sich einbildete, nicht sichtbar zu ein. Die Umstände hatten ihn gelehrt, dass es eine vorteilhafte Art war zu leben. Die Sinne blieben empfänglich, aber wer Ache Middler war, spielte keine Rolle. Der Körper wurde zu Zellophan ausgedünnt. Er atmete frei.

Why hatte dieses Bedürfnis zu existieren, ohne zu sein, mit ihm geteilt. Einige Jahre vor der Verfinsterung, wie sie nannten, was geschah, als er ihr krank und betrübt von Amsterdam erzählt hatte, gestand sie, die gleiche Sehnsucht habe sie dazu getrieben, das Pulver zu rauchen, das auf der Alufolie über dem Feuerzeug blubberte. Ache wollte nicht, dass sie wieder anfing, weshalb es besser war, sie glaubte, die neue Sendung enthalte Fanpost. Als er den Umschlag aufgeschlitzt hatte, orange wie Feuer, seufzte er, manche Bewunderer kennten keine Grenzen. Kinderzeichnungen, echt jetzt?

Obwohl die Lunge erneut Probleme bereitete und Ache bei so einfachen Tätigkeiten wie dem Schnüren seiner Schuhe ins Schwitzen geriet, empfand er endlich Geborgenheit im Dasein. Die Wohnung, die Herr Deeb ihnen besorgt hatte, war das Beste, was ihnen passieren konnte. Seither stand er in der Schuld des Maklers, was Why nicht wusste, aber wenn er sein Versprechen hielt, würde sie es auch niemals erfahren müssen. Hatte er die Reise erst einmal gemacht, die Deeb sich als Gegenleistung wünschte, war er aus der Hölle zurückgekehrt – »über alle Meere und Berge hinweg«, wie es bei dem Dichter hieß, den Ache in seiner Jugend gelesen hatte –, würde die Situation sicher sein und seine Notlüge der Vergangenheit angehören. Endlich würde er aufatmen können.

Ache versteckte die Postsendung unter den Zeitungen, die er im Arbeitszimmer aufbewahrte, er wusste nicht recht, was er mit einem Umschlag tun sollte, der zu brennen schien. Aus Sorge, dass Why sich die Zeichnungen womöglich anschauen wollte, überlegte er sogar, sie in den Müllcontainer im Hof zu werfen. Dann las er Theresas Begleitschreiben noch einmal. Sie flehte so eindringlich – »erzähl dem Mädchen zuliebe von dir, für sie als Erwachsene« –, dass er nicht zurückrief, als Deeb Anweisungen auf dem Anrufbeantworter hinterließ.

Stattdessen schrieb er zehn, manchmal auch zwölf Stunden am Stück. Morgens ging er mit dem Tee ins Arbeitszimmer. Bevor Why ins Atelier verschwand, arrangierte er das Material für die neue Platte, es sollte ein Konzeptalbum werden; sobald die Tür ins Schloss gefallen war, zog er jedoch an den Computer um, den er übernommen hatte, als sie sich einen neuen gekauft hatte. Die ersten Erinnerungen stellten sich seltsam leicht ein, wie von selbst. Nach ein paar Tagen hatte er schon mehrere Dateien angelegt. Wenn er nicht sicher war, wie er in der einen weitermachen sollte, öffnete er eine andere und schrieb weiter, wo er zuletzt aufgehört hatte. Danach ging er auf seine Zeit in der Band und auf das ein, was mit seinem Bruder passiert war. Da lief es stockender. Und als er den Gig in Holland und die Begegnung mit Theresa erreichte, war es, als bliebe die Uhr ein zweites Mal stehen. Unschlüssig verschob er die Dateien in einen Ordner, der den allumfassendsten Namen erhielt, den er sich vorstellen konnte.

Ache wusste, dass Deeb wartete, und als der Makler zwei Nachrichten am selben Tag hinterließ (er fragte sich, ob es ein Zufall war, dass es am Geburtstag seiner Tochter geschah), machte er weiter. Am letzten Abend hörte er Why nicht nach Hause kommen. Sie steckte den Kopf zur Tür herein, die braune Strickjacke hing über den Schultern. Hatte er den ganzen Tag am Computer gesessen? Er lächelte schief. »Gleich fertig …« Sie hatten so oft über das neue Album gesprochen, dass sie wohl glaubte, er würde an dem Text arbeiten, der es begleiten sollte.

Wenn sie nur wüsste.

Vor langer Zeit hatte sich auch Ache der Poesie gewidmet. Mit seiner ersten Freundin hatte er sogar eine Gedichtsammlung veröffentlicht. Nocturnes hieß sie, ins Reine geschrieben auf ihrer Hermes 2000 in der Wohnung in der East 11th Street. Die Zusammenarbeit ließ ihn erkennen, dass ihm Dichtung nicht so große Kraft schenkte wie Musik, was er in Amsterdam erklärt hatte. Als Theresa wissen wollte, warum, murmelte er, Töne erschüfen im Unterschied zu Worten Raum für »sie«. 

»Sie?« Theresa verstand nicht.

Ache, der spürte, dass er zu viel gesagt hatte, wechselte das Thema. Der erste Auslandsaufenthalt sei für ihn als Musiker gut, wenn auch nicht leicht gewesen. Als er nach New York zurückkehrte, sei der Gesang aus den Liedern verschwunden. Endlich habe er sich nicht über das Dasein äußern müssen, es habe völlig ausgereicht, es zu sein.

Das machte es schwierig, alles in den Briefen unterzubringen. Wenn es ihm jedoch gelang, nicht nur der Lust und dem Eifer Ausdruck zu verleihen, die er erlebt hatte, sondern auch dem Schaden, den er verursacht hatte, würde seine Tochter eines Tages verstehen, warum er in die Hölle musste.

Nur Fakten, wie seine Großmutter zu sagen pflegte.

Aus dieser Welt zwischen Knochen und Haut.

Und wir, die wir so verworren sprechen, ohne uns zu erkennen zu geben?

Kehren zurück.

Seiten 9–14.

Rezensionen

»Der schwedische Kosmopolit Aris Fioretos scheint mit seinem neuen Roman sein Opus Magnum vorzulegen. Die dünnen Götter ist ein virtuoser Künstlerroman, der in der Punkszene New Yorks in den 70er-Jahren beginnt und in den abgeklärten Kulturlaboren des zeitgenössischen Berlin endet. . . . Und er ist genau durchkomponiert. Knochen, vor allem der Schädelknochen: Damit hat sich Aris Fioretos lange intensiv befasst. Seine Ästhetik zielt mit vielen Variationen darauf, was es jenseits der konkreten Materie, der Physiologie des Menschen über das Ungewisse seines Denkens und Fühlens zu sagen gibt. Zwischen ›Knochen‹ und ›Haut‹ bewegt sich das Zentrum, das Innere des Romans Die dünnen Götter, also die Lebensentwürfe des Künstlers Ache Middler. In seinen Bands und in seinen Beziehungen zu Frauen tauchen wiederholt dieselben Probleme auf, seine Reflexionen kreisen unentwegt um seine Sehnsucht nach ›Unsichtbarkeit‹ und ›Ungreifbarkeit‹. Er will sich allen vordergründigen Zuweisungen entziehen. Ob er das immer schafft, ist in Zweifel zu ziehen. Aber Aris Fioretos gelingt es auf den 523 Seiten dieses Romans meisterhaft. Ein Konzeptalbum der Sonderklasse.« – Helmut Böttiger, Büchermarkt, Deutschlandfunk

»Äther und Sehnsucht sind seit jeher zentrale Motive für den schwedisch-griechischösterreichischen Autor Aris Fioretos. Und sie erfassen natürlich auch Musiker, wie sie auf Plattencovern posieren: jung und überirdisch leuchtend, und eine Verheißung in sich tragend. Auch sie sind ›dünne Götter‹, und dass Ache bald zur E-Gitarre greifen wird, ist fast zwangsläufig. Er ist ein Außenseitertypus, prädestiniert zu einem Künstler, wie ihn schon die Sturm-und-Drang-Dichter oder die Romantiker beschrieben haben. Aris Fioretos lässt das souverän anklingen, nun aber im Gewitter von E-Gitarren und Schlagzeugwirbel.« – Helmut Böttiger, Berliner Zeitung

»Man hätte das Leben des [Helden in Aris Fioretosʼ Die dünnen Götter] nun als Schablone nehmen können, um zeitgenössische Diskurse zu reflektieren: sich wandelnde Männlichkeitsideale, Körperbilder, sexuelle Abhängigkeitsverhältnisse. Doch genau das tut Fioretos nicht – in Zeiten der allgegenwärtigen Thesenromane (Zeh! Stuckrad-Barre!) ist das durchaus bemerkenswert. Was Ache Middler will, ist größer als irgendeine Gegenwartsdebatte, er sucht nach existenziellem Verstehen, den Blick hinter die ›Kulissen der Welt‹. Ein in seiner Universalität für Fioretos typisch altmodischer Anspruch. . . . [Die dünnen Götter] ist ein stilistisch herausragendes, zugleich aber schwerfälliges Experiment, Musik in Literatur zu verwandeln.« – Benedikt Herber, Die Zeit

»[Die dünnen Götter ist] ein Buch über Verletzlichkeit und Männlichkeit: Würdig zu altern, ist immer schwer. Aber wie schafft man das als Rockmusiker, wenn diese Musik doch permanent die Jugend feiert? Die Rahmenhandlung ist so karg wie tragisch. Der gealterte Ache erfährt von einer ehemaligen Geliebten, dass sie eine Tochter von ihm hat. Sie werde bald sterben, schreibt sie ihm, er möge doch bitte ihrem gemeinsamen Kind von sich erzählen. So schreibt er also Briefe in die Zukunft, an einen Menschen, den er selbst nicht kennt. . . . Während Fioretos' frühe Romane immer was von Schaulaufen, Vorturnen, Postmodern Dancing hatten, und er sich später ganz und gar in den Dienst des glaubhaften Erzählens stellte, wird Ache spät aber doch ein reifer Mensch, der sich den anderen öffnet - was zu einem sehr überraschenden Schluss führt. Ohne zu spoilern: Was dem Buch zugutekommt, ist dessen Welthaltigkeit.« – Alex Rühle, Süddeutsche Zeitung

»Die dünnen Götter ist ein Entwicklungs- und Künstlerroman aus der angloamerikanischen Rockmusik-Szene der 1970er-Jahre, eine Art Revival der Subkultur von Clubs, Kneipen und Studios, aus denen ikonische Rock-Bands hervorgingen, mit Frontmen wie Jim Morrison, Iggy Pop oder Mick Jagger. In seinen fiktiven dünnen Göttern lässt Fioretos diesen Typus ausgemergelter Jünglinge wiedererstehen und spürt dem Sound und der Stimmung ihrer ekstatischen Auftritte und psychedelischen Studio-Alben nach.« – Sigrid Löffler, Die Welt

»[Die dünnen Götter] konzentriert sich mehr auf das Erleben des von grenzenloser Hingabe an die Musik beseelten Protagonisten als auf die Szene und gleicht damit eher einem Künstler- als einem Poproman. Wie der Autor dieses verpeilte, introvertierte Künstler-Ich aus dem dunklen adoleszenten Regungen eines von Körperfresserfilmen und obskuren Heftromanen faszinierten Jungen entwickelt, nimmt einen sofort für die Geschichte ein. Nicht zuletzt liegt das an einer betörend-schwerelosen Sprache, durch die mythologische Motive und schaurig-schöne Bilder hindurchströmen. . . Die dünnen Götter ist ein Roman wie eine ordentliche Schallplatte: mit einer starken A- und einer leicht schwächeren B-Seite.« – Heike Karen Runge, Jungle World

»Ein Hit!« – Denis Scheck, Lesenswert

»Aris Fioretos, 1960 in Göteborg geboren, hat mit Der letzte Grieche oder Die halbe Sonne hervorragender Bücher geschrieben und erweist sich auch in Die dünnen Götter als guter Erzähler und glänzender Stilist.« – Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Fünf Fragen

Lieber Aris Fioretos, erzählen Sie uns von Ihrem neuen Roman! Was hat Sie inspiriert?

Es muss 1976 gewesen sein, ich war damals sechzehn Jahre alt. Zu jener Zeit lief am späten Sonntagabend im Schwedischen Radio eine Sendung mit dem Titel »Daheim bei«. Eines Abends spielten die beiden Äther-Anarchisten, die die Sendung machten, eine unbekannte Band aus New York. Die Gruppe war Television, die Debüt-Single, die sie gerade veröffentlicht hatte, hieß »Little Johnny Jewel«. Ich war wie elektrisiert. Am nächsten Tag tauschte ich schwedische Kronen gegen Dollar und schickte das Geld an das unbekannte Label Ork Records. Ein paar Wochen später war ich glücklicher Besitzer einer Platte mit blutrotem Etikett. Seither habe ich Televisions Alben tausende Male gehört. Ihre Musik war die erste, die mich erkennen ließ, dass in der Kunst Dinge kombiniert werden können, von denen ich geglaubt hatte, sie passten nicht zusammen: Coolness, Nerven, Transzendenz. Der Roman ist mein verspäteter Dank an die Band.

Wer ist die Hauptperson Ache Middler?

Geboren 1949 in Delaware. Zwilling und dennoch einsam. Früher Kenner von Gewittern und Feuer. Nicht an Drogen interessiert, aber offen für andere Formen der Bewusstseinserweiterung. Liebhaber von Poesie und »perfekter Vernunft«. Bewohner von Alphabet City am südöstlichen Rand von Manhattan. Frontmann und Gitarrist bei Transmission. Der Zusammenhalt zwischen ihm und der übrigen Band zerbricht bald, denn Ache möchte seine künstlerische Vision jenseits kommerzieller Einschränkungen verwirklichen. Erst viele Jahre später wird ihm klar: Kunst braucht nicht nur Freiheit, sondern auch menschliche Bindung. 

Ache streift in seinem Leben einige Metropolen. Jede von ihnen stellt einen besonderen Abschnitt dar und jede steht für die Liebe zu einer Frau. Wer sind diese Frauen?

Dreimal erlebt er eine Leidenschaft, die seinen Drang zur Kunst strittig macht – zuerst mit Trish Kelly in New York, die wie Ache Rock und Poesie vereinen will, danach mit Edie Ried in London, die Probleme mit den Augen hat und immer eine Sonnenbrille trägt, schließlich mit der deutsch-türkischen Künstlerin Ona Onder in Berlin, die er Why nennt und ohne die er, wie ihm klar wird, nicht leben kann. Ache begeht viele Fehler, fast immer, weil er das Gefühl hat, seine Unabhängigkeit wird bedroht. Erst nach einem schweren Irrtum spät im Leben, der die Handlung des Romans auslöst, versucht er wiedergutzumachen, was er anderen aufgebürdet hat.

Die dünnen Götter, wer sind sie?

Einerseits ist eine frühe Rezensentin von Transmission der Ansicht, die Mitglieder seien »dünnen Göttern gleich«. Sie meint wohl, dass sie von der schlaksigen Sorte sind, die Gliedmaßen wie Lakritzstangen haben. Andererseits sagt Aches jüdische Großmutter kurz vor ihrem Tod zu ihrem Enkel, dass Menschen, die man liebt, aber verliert – Verwandte, Freunde, Partner – nicht einfach verschwinden, sondern die Lebenden weiterhin begleiten. Manchmal spüre man sie an den Schläfen, flatternd. Möglicherweise sind die Figuren im Titel des Buchs etwas von beidem.

Mit Ihrem Protagonisten verbindet Sie die Suche nach künstlerischem Ausdruck, er in der Musik, Sie in der Literatur. Wie persönlich ist der Roman?

Die Romane, die ich bisher geschrieben habe, weisen nicht viel Gemeinsames auf, außer der Tatsache, dass ich dazu neige, mich für Erfahrungen von Anderen zu interessieren – wie etwa Schwangerschaft oder gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen. Gut möglich, dass von kultureller Aneignung gesprochen werden könnte. Persönlich glaube ich allerdings, es geht eher um den Wunsch, aus seiner eigenen Haut zu kommen, und sei es auch nur stellvertretend. Ich empfinde es als eine erquickende Befreiung, über Menschen mit fremden Voraussetzungen zu schreiben. Ich lerne aus Überzeugungen und Beweggründen, mit denen ich nicht vertraut bin, wesentlich mehr über die Welt.

Solange ich mich erinnern kann, wollte ich einen Künstlerroman schreiben. Er sollte aber nicht von Ausdrucksformen handeln, die mir bekannt sind. Weil also weder Literatur noch bildende Kunst in Frage kam, blieb nur die Musik übrig – genauer genommen: die Rockmusik. Ich wollte wissen, was alles passieren könnte, wenn ein Dasein der Kunst untergeordnet, ja, zu Kunst wird. Ist Einsamkeit der Preis für Unabhängigkeit? Ist es in einer Gattung, die die Jugend feiert, möglich zu altern, ohne in seiner Haltung zu erstarren? Wie bleibt man während eines Lebens im Dienst der Musen offen und empfänglich und damit verletzlich? Gut möglich, dass die 60+ Jahre, die wir Ache durch die Welt folgen, auch ein Porträt einer Ära zeichnen – vom Vinyl des anno dazumal bis zu den heutigen Streamingdiensten, von den Gegenkulturen der Sechzigerjahre bis zur Flüchtlingskrise unserer Zeit. Ob ich es möchte oder nicht, dies ist auch meine Zeit.

Hanser LiteraturverlageGespräch mit Denis Scheck, »Lesenswert«, 12. Mai 2024