Heimkehr

23.IV.24

Seit einigen Jahren nehme ich in unregelmäßigen Abständen an einer Fernsehsendung teil. Dieses Mal soll es in dem Gespräch um »Heimkehrromane« gehen.

Wenn du einen Heimkehrer-Roman schreiben würdest: An welchen Ort wärst du zurückgekehrt, aus welcher Perspektive wäre die Erzählung geschrieben?

Im Laufe der Jahre habe ich entdeckt, dass ich beim Schreiben aus meiner eigenen Haut schlüpfen möchte. Das geht natürlich nicht, dennoch bleibt es das Ziel. Das Selbsterlebte in meinen Büchern ist kein Rollator, sondern ein Trampolin. Also ein Heimkehrer-Roman, von moiWohl kaum.

Tatsächlich habe ich jedoch vor einigen Jahren einen Text begonnen, der liegen geblieben ist und vielleicht etwas überarbeitet werden könnte. Als ich sechs Jahre alt war, bin ich von zu Hause weggelaufen. Damals wohnten wir auf dem Land in Schonen. Eines Nachmittags wollte meine Mutter meinen Vater in der nächsten Stadt abholen. Ich wollte mitkommen, aber da ich mich weigerte, den Parka anzuziehen, den ich hasste, musste ich zu Hause bleiben. Vor Wut über diese Ungerechtigkeit kochend, packte ich ein Stück Zwieback, meinen Apfel und eine Rolle Toilettenpapier in meinen Rucksack, dann machte ich mich auf den Weg. Ich hatte 3,25 in der Tasche und ahnte, dass sie nicht für die Fahrkarte zu meiner Großmutter nach Wien reichen würden, wohin ich mich begeben wollte. Doch irgendwie war ich überzeugt, es würde klappen. Ein paar Kilometer außerhalb des Dorfes verließ ich die Landstraße, überquerte ein Feld und machte bei einigen Bäumen Rast. Als ich unseren olivgrünen Ford Zodiac auf dem Heimweg sah, beschloss ich, mich wieder ins Dorf zu schleichen und, hinter den Heuballen am Hang oberhalb unseres Hauses versteckt, die Panik meiner Eltern zu beobachten, weil ihr ältester Sohn sich in Luft aufgelöst hatte.

Der Roman, den ich plante, sollte eine fiktive Biografie werden. Was wäre passiert, wenn ich nicht zurückgegangen wäre? Was hätte der Sechsjährige erlebt, wenn er sein bekanntes Leben hinter sich gelassen hätte? Wer wäre er geworden? Mit ein paar Änderungen könnte eine »Heimkehrer«-Version davon handeln, wie dieses fiktive Ich in ein Leben zurückkehrt, das er fast sechzig Jahre zuvor abgebrochen hatte. Auf diese Weise würde es in dem Buch nicht um eine mehr oder weniger komplizierte Versöhnung gehen, sondern darum, wie Literatur notwendig ist, um zu verstehen, woher ein Mensch kommt – auch wenn dies auf Kosten der Wahrheit geschehen würde.

Welchen Heimkehrer-Roman würdest du empfehlen und warum gerade diesen?

Es gibt viele Heimkehrromane nach der Odyssee, die ja der Urtext unserer Tradition ist, aber wenige erscheinen mir so erschütternd wie Imre Kertész’ Roman eines Schicksallosen. Das Buch schildert, wie das vierzehnjährige Scheidungskind György Köves eines Tages von der Polizei angehalten, in einen Bus gesetzt wird und schließlich in Auschwitz landet. In erster Linie ist der Roman eine Lagerbeschreibung, doch da Köves über alles berichten kann, was er erlebt, weiß der Leser von Anfang an, dass er überleben wird. In der Schilderung der Deportation verbirgt sich ein Heimkehrerroman.

Köves erlebt die Vernichtungslager mit klaräugiger Selbstverständlichkeit. In Auschwitz werden »die Menschen meist sehr verändert«. Nichts überrascht, der Ton bleibt so naiv nüchtern wie frei von aufgeregtem Pathos, was einer der großen Vorzüge des Textes ist. Nach einiger Zeit wird der junge Erzähler, der bei seiner Ankunft instinktiv über sein Alter gelogen hat und so dem Tod entgangen ist, nach Buchenwald und später nach Seitz verlegt. Sein Zustand verschlechtert sich zunehmend, er landet in der Krankenstation und wird gerettet, als das Lager endlich befreit wird. Im letzten Kapitel tritt er die Heimreise nach Budapest an, wo er laut dem Lagerältesten erwartet wird, um »sein Leben wieder aufzunehmen«. Doch wie soll man ein Leben wieder aufnehmen, dem alle definierenden Attribute genommen wurden? Wie soll man »nach Hause« in eine Welt kommen, die man nie wieder sehen sollte?

Die letzte Etappe legt Köves mit der Straßenbahn zurück. Er hat kein Geld für die Fahrkarte, also bezahlt ein unbekannter Mann für ihn. Als dieser fragt, woher er komme, sagt er, wie es ist. Als der Mann fragt, was er empfinde, erklärt er: »Hass«. Der Mann versucht, die Antwort zu rationalisieren, doch innerlich ahnt Köves: »Ich begann allmählich einzusehen: über bestimmte Dinge kann man mit Fremden, Ahnungslosen, in gewissem Sinn Kindern, nicht diskutieren«. Er, der selbst ein Kind ist, aber während des Jahres in den Lagern hundertmal älter geworden ist als der Mann, versteht, dass es unmöglich ist, das Erlebte mit Menschen zu teilen, die nie deportiert wurden. Auf einer Bank an einem Marktplatz sitzend verspürt Köves daher »Heimweh« nach Auschwitz. Er erkennt, dass das Schwierigste nicht darin besteht, die Lager zu überleben; das Schwierigste ist, nicht mehr zu denen zu gehören, die nie zurückgekehrt sind. Er kann kein neues Leben beginnen, sondern nur sein altes fortsetzen – das jedoch in den Lagern endete: »Ich werde mein nicht fortsetzbares Leben fortsetzen«. Ein Heimkehrerroman? Ja, aber nur, wenn wir mit »Heimat« alles meinen, was nicht als Heimat gilt.

Kertész legte Wert darauf, dass Der Roman eines Schicksallosen keine Autobiografie war. In einem seiner letzten Bücher, Dossier K., das ebenso sehr Selbstbefragung wie Protokoll über das eigene Schaffen ist, weist er jedoch darauf hin, dass es ihm in dem Roman »gelang, aus meiner eigenen Haut zu schlüpfen… ohne meine eigenen Erfahrungen zu verraten«. Da haben wir es: Literatur nicht als selbstverherrlichende Heimkehr, sondern als eigenständige Lebensform des Andersseins.

Wenn du die drei wichtigsten Zutaten eines guten Heimkehrromans nennen solltest, welche wären das?

Ohne Veränderung geht es nicht. Anstelle von Versöhnung würde ich mir Klarheit wünschen. Und als Bonus wäre die Bejahung des Andersseins willkommen.

Im Taxi nach Hause nach der Sendung fragte ich mich, warum es mir nicht gelungen war, schärfer auf die Fragen zu antworten. Erst einige Wochen später, auf dem Weg zu einer Lesung im gescheiteste Antiquariat der Stadt, wird mir jedoch klar, was ich hätte sagen sollen. Als ich die gerade erschienene Box im Schaufenster entdecke, verstehe ich, dass für mich »Heimkehr« nur zu Büchern stattfinden kann, die einst geschrieben wurden, um sich zu entfernen.