Der sich wandelnde Nabel der Welt

18.XI.25

Bisher habe ich nicht darüber nachgedacht – jedenfalls nicht konzentriert, aktiv –, aber die wichtigen Schauplätze in meinen Romanen sind keine Orte, die man auf der Karte findet. Sie existieren in der Welt, wenn auch eher in der Vorstellungswelt, doch weder Globen noch Reiseführer würden helfen. Stockholm, Berlin, Dresden… Smyrna, Athen… New York, sogar London und Warschau… Solche Orte, die in ihrem jeweiligen Kontext durchaus von Bedeutung sind, lassen sich natürlich lokalisieren. Selbst »Ano Potamiá«, »Balslöv« oder das, was der Erzähler in einem späteren Roman als »Alaska« bezeichnet, lässt sich aufsuchen, wenn die richtigen GPS-Koordinaten bekannt sind. »Ano Potamiá« habe ich zum Beispiel selbst ein paar Tage vor Weihnachten 2008 zusammen mit dem realen Vorbild des Helden meines Buches besucht – aus vager, vorahnungsvoller Ehrfurcht, vermute ich. Der Ort erwies sich als ein Berghang, eine Dreiviertelstunde Autofahrt nördlich von Serres, unweit der bulgarischen Grenze, wo es wahrscheinlich nie ein Dorf gegeben hat. »Balslöv«, das im selben Roman vorkam, entlehnte Züge von zwei Ortschaften mit ähnlichen Namen im Nordosten von Schonen, wo ich mich als Kind wie in meiner eigenen Westentasche zurechtfand. Und »Alaska«, dieser Nordpol der Einsamkeit, war einmal eine Isolationszelle auf einer namenlosen griechischen Gefängnisinsel, ein anderes Mal eine Schneewehe in einem Park im Nordosten von Philadelphia, die ich mit Hilfe von Google Earth gefunden habe.

Den entscheidenden Orten fehlt jedoch eine solche kartografische Eindeutigkeit. Es sind keine Ortschaften – Abseitsorte, Provinznester, Weltmetropolen –, sondern psychogeografische Stätten. Hätten sie Namen, hießen sie wohl »Die Badewanne«, »Der Fahrradsattel«, »Die Kaimauer«. Oder »Das Schrottlager«, »Die Konzerthalle«, »Minus Zwei«. Oder warum nicht »Die Matratze«, wie in dem Roman, der bald endlich fertig wird? Ähnlich wie etwa »Alaska« verändert »Die Matratze« sogar ihren Charakter. Als sie zum ersten Mal erwähnt wird, besteht sie aus einem Unterbett in einem türkischen Flüchtlingslager, bezogen mit einem gestreiften Stoff mit dünnen und dickeren Linien, der die Hauptfigur an ein Notenblatt erinnert und dessen viele Flecken (Benzin? Urin?) Noten des Schmerzes ähneln. Das zweite Mal ist die Matratze neu gekauft und in Plastik verpackt, und die Heldin schläft darauf ein, nachdem sie sich zum ersten Mal in ihrem jungen Leben betrunken hat.

Klügere Menschen als ich dürfen, falls sie Lust dazu haben, den geheimen Status dieser und anderer Orte ergründen. Zum ersten Mal beschleicht mich der Verdacht, dass sie Besinnung und oft auch Ruhe bieten – als wären sie leere Blätter, die mit orientierenden Worten gefüllt werden müssen. Keiner von ihnen ist auch nur annähernd sicher, manche jagen Angst ein und lösen sogar Schwindel oder Übelkeit aus, meistens bieten sie jedoch einen Mittelpunkt, von dem aus eine fiktive Figur versucht, ihre Lage zu begreifen. Als wären sie der sich wandelnde Nabel der Welt.

Bild: Lygia Clark, Grande colchão (Große Matratze), 1960er Jahre