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Klappentext

„Mein Name ist Knisch, Sascha Knisch, und vor sechs Tagen war mein Leben in bester Ordnung.“

Berlin im heißen „Jahrhundertsommer“ 1928. Die sexuellen Gewohnheiten des Sascha Knisch sind von besonderer Natur. Eines Abends trifft er in dem Kino, in der er als Vorführer arbeitet, die rätselhafte Dora Wilms wieder – seine „Madame“. Eine Woche später ist sie tot, und Kommissar Manetti beschuldigt ihn des Mordes. Als Sascha Knisch versucht, seine Unschuld zu beweisen, gerät er in die Verstrickungen einer wissenschaftlichen Verschwörung. Was geht vor in der Stiftung für Sexualforschung? Knisch wird hineingezogen in eine Geschichte, deren rettende Wahrheit in dem liegt, was nicht geschehen ist.

Die Wahrheit über Sascha Knisch handelt von den Verkleidungen des Sexuellen, seinen Verlockungen und Verführungen und erzählt anspielungsreich von der Liebe zwischen zwei Menschen in einem Deutschland, das am Rande der Katastrophe steht. Und vor Allem ist der neue Roman von Aris Fioretos eine als rätselhafter Thriller maskierte, scharfsinnige und komische Liebeserklärung an die Kraft der Einbildung.

Auszug

Kapitel 1

 

Mein Name ist Knisch, Sascha Knisch, und vor sechs Tagen war mein Leben in bester Ordnung. Ich verdiente hier und da ein paar Reichsmark, hatte eine Wohnung, die man mit etwas gutem Willen ein Zuhause nennen konnte, und ein Geschlechtsleben, in das sich niemand einmischte. Sicher, es kam zuweilen vor, dass ich mit der Miete in Rückstand geriet, und selbstverständlich gab es Momente, in denen nicht nur ich mich fragte, wann es an der Zeit sein würde, mir eine jener Stellen zu suchen, die im 8-Uhr Abendblatt als „deutsch“ und „anständig“ bezeichnet werden. Aber ich konnte nicht klagen. Ich hatte, was ich brauchte, und alle Zeit, die ich mir wünschte. Nun ist mir einzig das Geschlecht geblieben – und natürlich hat es mich in diese Situation gebracht. In der Geschichte, die ich erzählen möchte, geht es um „die sexuelle Frage“. Ich habe getan, was in meiner Macht stand, um sie nicht beantworten zu müssen, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Während ich darauf warte, dass Kommissar Manetti – ja, Manetti, „Meisterhirn“ Manetti – eintrifft, wird es das Beste sein zu erzählen, was geschehen ist. Und nicht geschehen ist. Denn die Wahrheit liegt in dem, was nicht geschehen ist, und nur sie kann mich nun retten.

Auch wenn die Saat für das meiste schon vor Jahren ausgebracht wurde, geschah nichts vor dem letzten Freitag im Juni. Einige Tage zuvor hatte Dora Wilms plötzlich im Foyer des Kinos gestanden, in dem ich nebenher als Maschinist arbeite. Allein wie immer, schön wie immer, mit ebenso viel Hunger wie Gefahr in ihren Bewegungen. Und vor sechs Tagen, drei vor dem offiziellen Sommeranfang in Hindenburgs Deutschland, besuchte ich sie. Im Kino hatte sie gemeint, dass sie es schön fände, mich „unter anderen Umständen“ wieder zu sehen – und nach einer Pause voller Andeutungen hinzugefügt: „dein wahres Ich“. Wie üblich war ihre Stimme ruhig wie tiefes Wasser. Mein wahres Ich, dachte ich besorgt und rieb meine Hände an der Hose. Dora betrachtete mich still. Doch dann warf sie Blicke nach allen Seiten, fast als würde sie sich beobachtet fühlen und mir wurde bewusst, selbst sie konnte nervös sein. Es lag sicher daran, was bei unserer letzten Begegnung vor ein paar Monaten vorgefallen war. Wenn ich Lust hätte, könne ich sie am kommenden Freitag besuchen, ergänzte sie und sah mich wieder an. Sie wohne noch in der Otto-Ludwig-Straße, in ihrer alten Wohnung mit Aussicht auf die Stadtbahngleise. Und zwei Tage später fuhr ich mit dem Fahrrad in der Nachmittagshitze über weichen Asphalt zu ihr in jenen Stadtteil, den man heute „den alten Westen“ nennt. Ich kam nicht nur eine Stunde zu früh, sondern verstand sie auch falsch.

Ich hätte mich verbeugen und auf dem Absatz kehrtmachen sollen. Aber Ritterlichkeit gehört nicht zu meinen hervorragendsten Eigenschaften und wie üblich ließ sich Dora nichts anmerken. Stattdessen streifte ich also die Fahrradklammern ab und versuchte meinen Irrtum scherzhaft zu überspielen. Als sie davon sprach, sich „unter anderen Umständen“ zu treffen, habe ich geglaubt, dass … Ich machte eine verlegene Geste. Sie wisse schon, was ich meine? Auch wenn der Irrtum mich verlegen machte, war meine Aufrichtigkeit doch eher halbherzig. In Wahrheit hatte ich mich gefreut, dass der Freitag plötzlich wieder dasselbe bedeuten sollte wie früher: klopfendes Herz, warme Handflächen, Gedanken, die sich gegenseitig überrannten. Kurzum: schönste Nervosität.

Denn freitags pflegte ich an die Tür von Zimmer 202 zu klopfen, im zweiten Stockwerk des Hotel Kreuzer im Stadtzentrum, auf der rechten Seite einer spärlich befahrenen Straße und mit einem russischen Portier, der stets Hilfe beim Kreuzworträtsel seiner Zeitung haben wollte. Der Gast, der dort werktags zwischen zwölf und sieben logierte, hatte weder Titel noch Nachname. Die ersten Male versuchten wir es mit „Frau“ und „Tante“; ich fand nicht, dass der Vorname allein ausreichte. Britischen Neigungen nachgebend verfielen wir sogar auf „lady“. Aber mit seinen weichen Ms an Anfang und Ende (lang wie verdoppelter Genuss) und den beiden erwartungsvollen as, die sich beiderseits des erigierten d der Zungenspitze öffneten, war das französische „Madame“ die richtige Bezeichnung. Sogar das stumme e am Ende passte, weil es dem Wort etwas Steifes und Elegantes gab, nicht unähnlich einem Volant aus gefrorener Luft. „Madame Dora“, oder noch lieber einfach „Madame“, sprach ich die Frau in Zimmer 202 mehr als ein halbes Jahr lang an. Ehe eins zum anderen führte und zu Beginn des „Jahrhundertsommer“ 1928 mit dieser unglücklichen Szene endete.

Dora wartete, bis der Strom meiner Entschuldigungen versiegt war, erhob sich und schlug einen angemessenen Betrag vor. Ich schaute sie verblüfft an. Bewusst oder unbewusst hatte sie die gleiche Pose eingenommen wie die blau gewandete Maria Magdalena auf dem Öldruck an der Wand hinter ihr. Nachdem ich über die Ähnlichkeit nachgesonnen hatte, erkannte ich nicht nur, dass sie mir meinen Irrtum verzieh, sondern auch, dass ich aus unserer früheren Bekanntschaft keinen Vorteil ziehen konnte. Betont langsam legte ich die Geldscheine auf den Couchtisch, einen nach dem anderen und immer in der Hoffnung, sie würde die Hand heben und mir Einhalt gebieten, ehe ich es übertrieb. Doch ich war bei einer vollen Monatsmiete angelangt, als sie endlich ihren Rock glattstrich und mich aufforderte, mitzukommen. Dem Geld schenkte sie nicht die geringste Aufmerksamkeit. Bedauerlicherweise kamen wir kaum dazu, es uns im Schlafzimmer gemütlich zu machen, ehe es auch schon an der Tür klingelte. Fragend schaute ich Dora an, aber sie drückte mir die gelbe Bluse in die Hand und meinte nur: „Nimm die hier und versteck dich. Wir machen gleich weiter.“ Dann öffnete sie den großen eichenen Kleiderschrank und trommelte mit den Fingernägeln auf der Holztäfelung.

Ich schob zwei Kleiderbügel auseinander und stieg hinein. Sicherheitshalber überprüften wir, ob die Tür sich von innen öffnen ließ. Doch nun klingelte es so hartnäckig, dass Dora, die eine Erklärung nicht für nötig zu halten schien, meine Wange tätschelte und mit gesenktem Blick und vieldeutiger Stimme sagte: „Sei ein braves Mädchen und komm erst wieder raus, wenn ich dich rufe.“ Ich nickte und schluckte und die Tür fiel ins Schloss. Für wenige verwirrte Augenblicke glaubte ich hören zu können, wie sie sich in den Spiegeln auf der Frontseite des Schranks betrachtete. Zunächst strich sie mit den Zeigefingern entlang der unteren Augenwimpern, dann schürzte sie die geschminkten Lippen und strich sich, gänzlich unnötig, das Haar hinter die Ohren. (Vielleicht waren ihre Züge nicht, was die Filmwoche „klassisch“ nennen würde, ihr knochiges Gesicht wirkte jedoch eigentümlich verlockend, zumindest in meinen Augen, und die Frisur saß immer perfekt.) Erst als ich mir einbildete, die Abendsonne in ihren Ohrringen funkeln zu hören, begriff ich, meine Fantasie war mit mir durchgegangen.

Ich reckte den Hals – der hohe Kragen aus Krepp bereitete mir gewisse Probleme – und spitzte die Ohren. Da ich ihre Absätze nicht hören konnte, nahm ich an, dass Dora über den Bastteppich im Flur ging. Sekunden später konnte ich ihr Geräusch jedoch ausmachen, vage und fern, wie harte, einsame Regentropfen. Sie musste das Parkett im Eingangsflur erreicht haben. Vielleicht sah sie sich nach Anzeichen dafür um, dass sie bereits Besuch hatte. Aber egal, was der Kalender behauptete, es war Sommer und ich hatte weder Regenschirm noch Regenmantel dabei. Dann zog der Besucher seinen Zeigefinger von der Klingel zurück. Und genau in diesem Moment, unmittelbar nachdem Dora den Riegel zurückgeschoben und geöffnet hatte, begann das Schicksal, die Fäden zu verknüpfen.

 

Wie so oft, wenn es um die sexuelle Frage geht, handelt es sich um eine heikle und peinliche Geschichte – heikel eventuell für mehrere, peinlich jedoch allein für mich und ich brauche ein wenig Zeit, wenn mir die Worte nicht im Hals steckenbleiben sollen. Falls dennoch jemand Anstoß an der Geschichte nehmen sollte, möchte ich darauf hinweisen, dass es schmutzigere Wäsche gibt, die gewaschen werden müsste. Im Übrigen ist nicht jede Wahrheit nackt.

Letzten Freitag wusste ich natürlich noch nicht, dass diese Fäden verknüpft würden und auch nicht, dass es mein letztes Wiedersehen mit Dora sein würde. Monatelang hatten wir uns nicht getroffen und hier stand ich nun plötzlich umgeben von ihren Kleidern. Das Schicksal war wahrscheinlich das Letzte, woran ich dachte. Die Dunkelheit im Schrank erschien mir zugleich eng und endlos und während meine Hand sich vortastete, versuchte ich mich zu erinnern, was Dora getragen hatte, als wir uns in früheren Zeiten trafen. Neben mir hingen Blusen mit steifen Stehbordkragen, flatternden Haifischkragen und ganz ohne Kragen. Ich erinnerte mich, dass manche Brustpartien Falten warfen, andere Schleifchen oder Puffärmel hatten. Hinter den Blusen folgten ein Jumper, den ich ebenso wenig kannte wie eine Strickjacke und zwei britische westovers, die mir noch gelb wie Vanillecreme und mit gestreiften Borten in erfundenen Universitätsfarben in Erinnerung waren. Über einen Kleiderbügel hingen fünf, sechs breite Seidenkrawatten, auf einem anderen ein schlüpfriges Negligee, dass ich mit etwas Mühe an mein Gesicht führen konnte. Mit der feinen Mischung aus Rauch und Parfüm in der Nase stellte ich mir vor, was geschehen würde, sobald der Besucher gegangen war. In wenigen Minuten würde Dora sich eine ihrer amerikanischen Zigaretten anzünden, das Etui, in dem sie ihre Zigaretten verwahrte, fortlegen und die Spannung noch einige Augenblicke in die Länge ziehen – im Korbstuhl am Fenster rauchend, ein Bein über das andere geschlagen, sodass die Abendsonne über das Schienbein und den Schuh aus schwarzem, wie Motorenöl glänzendem Leder gleiten konnte. Dann würde sie die Asche abstreifen, indem sie die Zigarette über den Rand des Aschenbechers rollte, und langsam meinen Namen aussprechen.

Hielt ich das violette Negligee in der Hand, das ich einmal über ihre Arme hinabgleiten ließ, sodass ich zunächst die gebeugten Ellbogen, dann den steilen Rücken der Nase und schließlich die festen Brustwarzen, die sich unter dem Stoff abzeichneten, sehen konnte? Oder war es das glänzend weiße Negligee, das stets hingeworfen am Fußende des Betts lag, zusammen mit dem Kimono aus Kunstseide? In der Dunkelheit ließ sich die Farbe unmöglich feststellen, also setzte ich meine Entdeckungsreise fort. Weiter entfernt stieß ich nun auf Röcke, Kleider und Abendgarderoben. Manche Kleidungsstücke reichten bis zum Boden, denn wenn ich die Hand bewegte, raschelten die Säume mit einem weichen, geschmeidigen Laut, fast wie von Seetang. Bei meiner bereits angeregten Fantasie war es ein Leichtes, mir vorzustellen, ich gehörte zu einer Gruppe eleganter Tänzerinnen, die dicht hintereinander in einer Reihe standen und es kaum abwarten konnten, dass die Türen aufgeschlagen wurden, damit sie auf das glänzende Parkett hinausgleiten konnten, wo uns Kavaliere im Frack erwarteten, mit pomadisiertem Haar und rauchenden Zigaretten zwischen sehnigen Zeige- und Mittelfingern neben schweren Siegelringen aus mattem Silber oder gemessenem Gold.

Plötzlich vernahm ich dumpfe Stimmen, so als sprächen sie mit Kissen vor dem Mund. Dann hörte man überraschend laut ein Lachen und jemand begann zu singen.

 

O, dunkler Trieb, nichts hast du mir verwehrt,

selbst drei Jahre im Zuchthaus mir verehrt.

 

Das klang nach dem großen Rigoberto. Dora schien den Besucher in ihr Wohnzimmer gebeten und eine Schellackplatte aufgelegt zu haben. Vorsichtig tastete ich mich weiter und erreichte gleich darauf etwas, das ein Reifrock mit Volants von der Art sein musste, wie auch meine Mutter sie getragen hatte. Es folgten einige Jacketts, unter anderem ein „Berchtesgadener“, das ich an den groben Nähten und dem ungewöhnlichen Material erkannte, als Nächstes ein kompliziertes Ensemble aus Leder und schließlich Doras „Amazonentracht“. Ich erinnerte mich an die elegante Tweedjacke, die stets über einem asymmetrisch geschnittenen Rock hing, der sich wiederum über ein Paar Jodhpurs legte. Sachte, ohne dass die Kleiderbügel gegeneinander schlugen, suchten meine Finger, bis ich den Schlitz im Rock fand und die Hand zwischen die Beine der Hose führen konnte, um das blanke Leder des Schritts in meiner heißen Handfläche fühlen zu können.

Allmählich ließ meine Gefangenschaft mich jedoch ungeduldig werden. Wann würden wir endlich allein sein? Wie lange sollte es noch dauern, bis sie meinen Namen aussprach? Dora musste den Besucher erwartet haben. Warum hatte sie mich dann nicht gebeten, wie verabredet eine Stunde später wieder zu kommen? Vorsichtig zog ich die Bluse an. Dann drehte ich den Kopf und legte mein Ohr an die Schranktür. War es ein Mann, der da sprach? Die Stimmen schienen aus dem Wohnzimmer zu kommen, denn klar und deutlich hörte ich Dora sagen: „Ich hoffe, es geht vorüber. Vielleicht …“ Dann wurde die Tür zum Schlafzimmer geschlossen.

In der Ferne fuhr ein Stadtbahnzug vorbei, murrend und methodisch, anschließend waren nur noch meine kurzen, knappen, nicht sonderlich würdigen Atemzüge zu hören. Das Blut stieg mir ins Gesicht, die Kleider rieben sich aneinander. Ich habe bereits erwähnt, dass es eine heikle Geschichte ist, also kann ich ohne Umschweife gestehen, dass die Wärme, nein, das Warten mich erregte. Ohne weiter darüber nachzudenken ließ ich meine Hand über den Bauch und die Knöpfe hinabgleiten, die wie die runzligen Warzen einer Sau eine regelmäßige Kurve auf dem Bauch beschrieben. Die Taille verjüngte sich und als ich mich aufblähte, drückten die Korsettstangen steif gegen den Rumpf. Es schien mir, als wäre ich … Nein, das ist nicht leicht. Ich wusste nicht, dass einige Worte tatsächlich schwerer auszusprechen sind als andere. Es schien mir, als … Als wäre ich … Noch einmal. Es schien mir, als wäre ich zur Blume geworden.

Unterhalb der Rippen war ich ein steifer Stiel, ab dem Brustkorb eine knospende Blüte, die sich langsam öffnete. Während ich mir vorstellte, wie ich aussah, fuhr meine Hand unwillkürlich fort, über die Stangen und den glatten Seidenstoff zu gleiten, hinab zu den elastischen Haltern, die festgezurrt waren und gleich darauf zu jenen flachen Metallspangen wurden, von denen die Strümpfe gehalten wurden. Um die wilde, wunderbare Qual hinauszuzögern, die nun wie eine sagenhafte Wolke in mir aufwallte, vermied ich das bebende Geschlecht und glitt stattdessen den anderen Schenkel wieder hinauf, über die Hüfte und die straffe Kurve der Taille, bis ich meinen stattlichen Busen und die brennende Achselhöhle erreichte.

Erfüllt von Lust und ehrfürchtigem Schaudern wartete ich darauf, den Korbstuhl knarren und Dora mit der ihr eigenen fatalen Ruhe in den Bewegungen ein Streichholz anreißen zu hören. Genüsslich würde sie ein paar Züge rauchen und anschließend meinen Namen aussprechen, während der Rauch in der spätnachmittäglichen Sonne wirbelte. Wieder vernahm ich Stimmen im Flur. Nun sprachen sie undeutlicher als zuvor. Aber hatte sie männlichen oder weiblichen Besuch? Erstaunt musste ich feststellen, dass sich die Identität eines Menschen nicht allein aus den Lauten erschließen ließ, die sein Körper hervorbrachte. Am Ende beschloss ich, dass es ein Mann war, wenn sie nach links ins Wohnzimmer zurückgingen, eine Frau, wenn es nach rechts in die Küche ging. Gleich … Moment … Das Wohnzimmer. Ihr Gast war männlich. In dem Fall hatte ich nicht vor, hinaus zu schleichen und mich auf die Bettkante zu setzen. Nicht in diesem Aufzug.

Plötzlich hörte man einen spitzen Schrei, gefolgt von einem gepolsterten Poltern, und ich begriff, dass ich mich geirrt hatte: Sie waren in die Küche gegangen und Doras Gast demnach weiblich. Hatte sie nach mir gerufen? Ich presste den Kopf an die Tür, aber es drangen keine weiteren Geräusche an mein Ohr. Sie würde sicher noch einmal rufen, falls sie Hilfe benötigte. Vorsichtig verlagerte ich mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, weil das Blut sich in den Beinen zu stauen begann. Aber der Platz war knapp und sobald die Kleiderbügel gegeneinander schlugen, hörte ich auf. Allmählich wurde ich ungeduldiger. Warum dauerte das so lange? Wollte der Besucher ewig bleiben? Dora schien meine Gedanken gelesen zu haben, denn unmittelbar darauf hörte ich, dass die Klinke heruntergedrückt und die Schlafzimmertür geöffnet wurde. Der ungebetene Gast war gegangen. Endlich waren wir allein.

Ich hörte ein dumpfes, schleifendes Geräusch und eine Reihe kurzer, trippelnder Schritte. Seltsam, es klang, als würde sie etwas ziehen. Erneut fuhr ein Stadtbahnzug vorbei, diesmal mit einem klappernden Geräusch, das sich folgsam in der Ferne verlor, dann setzte Dora sich auf das Bett. Letzteres verriet mir das Quietschen der Bettfedern. Nach kurzer Pause begann sie in der Nachttischschublade zu suchen – bestimmt nach dem Zigarettenetui, das sie dort aufzubewahren pflegte. Doch offenbar war es dort nicht, denn gleich darauf hörte ich sie aufstehen und zum anderen Ende des Zimmers gehen. Zunächst zog sie die Schubladen der Kommode heraus, dann suchte sie hinter den Vorhängen und schließlich – Sekunde – schließlich suchte sie hinter dem Stuhl, auf dem meine Kleider lagen. Ich wollte ihr gerade durch die Schranktüren zuflüstern, dass meine Moslems auf dem Wohnzimmertisch lagen, als mir einfiel, möglicherweise suchte sie gar nicht nach Zigaretten, sondern bereitete sich vor. Natürlich. Deshalb hatte sie gewollt, dass ich mich verstecke: Nicht, um mich vor den unbekannten Augen des Besuchers zu schützen, wie ich ursprünglich angenommen hatte, sondern um mich daran zu hindern, vorzeitig zu entdecken, was sie sich für uns ausgedacht hatte.

Dora schob den Stuhl zurück und kam zum Kleiderschrank. Augenblicklich schlug mein Herz laut und wild und nicht nur die Haare auf den Armen standen zu Berge. Statt etwas zu sagen, blieb sie jedoch vor den Spiegeltüren stehen. Prüfte sie ihr Aussehen? Sachte verwandelte sich mein Körper in heiße, pulsierende Erwartung. Jeden Moment würde sie meinen Namen aussprechen. Ich hatte versprochen, ein braves Mädchen zu sein, also war es das Beste, vollkommen still zu stehen. Vorsichtig presste ich die Knie zusammen, streckte den Rücken und ließ die Hände herabhängen, die Ellbogen in die Seite gedrückt. Aber dann kam mir ein unbehaglicher Gedanke. Wenn nun nicht Dora auf der anderen Seite stand, sondern der Besucher, der doch nicht fort war? Klangen die Schritte, die ich hörte, nicht ein wenig schwerer, die Atmung heiserer und tiefer? Nein, nein, Einbildung. Natürlich war das Dora. Sie hätte den Besucher niemals allein ins Schlafzimmer gelassen, sondern wollte nur meine Ausdauer auf die Probe stellen. Nun hörte ich, dass sie das Zimmer mit raschen Schritten verließ – sicher um meine Zigaretten aus dem Wohnzimmer zu holen. Anscheinend waren ihr die eigenen ausgegangen. Gleich würde sie zurückkehren und dann waren endlich wir an der Reihe.

 

Doch die Zeit verging und nichts geschah. Langsam senkte sich Stille auf die Wohnung herab. Fast hätte man meinen können, es wäre jemand gestorben. Sollte ich hinausgehen und nachsehen? Oder bildete ich mir das alles nur ein? Ich hätte beinahe laut aufgelacht, als mir die simple Wahrheit klar wurde: Dora hatte sich mit den Schuhen in der Hand zurückgeschlichen, um zu sehen, wie lange es dauern würde, bis ich mein Versprechen brach! Ich ballte die Hände zu Fäusten und schloss die Augen, wodurch es mir gelang, noch weitere Minuten standhaft zu bleiben. Schließlich hielt ich es nicht länger aus. Zwar war der Kleiderschrank elektrisierend und erotisch, aber plötzlich war mir, als müsste ich dringend auf die Toilette. Die Uhrzeiger des Weckers auf dem Nachttisch zeigten 6.25 an, als ich die Schranktüren aufschlug und mein unfreiwilliges Paradies verließ – in der gelben Bluse, die über dem Servietten gefüllten Büstenhalter spannte, die Hände in die Seiten gestemmt, mutig auf hohen Absätzen wackelnd und mit einer roten Seidenschleife um mein verrücktes Geschlecht.

Danach war nichts mehr, wie es einmal war.

Rezensionen

„. . . hier entwickelt sich etwas äußerst Spannendes.“ – Helmut Böttiger, Der Tagesspiegel

 

„Nein, zimperlich geht es hier nicht zu, aber zartsinnig doch.  . . . Vor allem geht in Fioretos’ virtuoser Kompositionskunst kein noch so beiläufiges Detail verloren. . . . Eben weil die Wirklichkeit so vielseitig ist wie die Augen, die sie betrachten, glaubt der Held nicht mehr ‚an „alle“ Menschen, sondern an jeden Menschen“, an die Teile, nicht die Summe. Sascha Knisch ist ein Liebhaber der Einzelheiten, ein Individualist als Trickster. Und wir dürfen annehmen, dass das auch auf seinen Erfinder zutrifft. Aris Fioretos, der schwedische Schriftsteller mit dem griechischen Namen, hat mit amerikanischer Förderung in der deutschen Hauptstadt seinen zweiten Roman geschrieben – ein wunderbar europäisches Buch.“ – Heinrich Detering, Literaturen

 

„Der 1960 in Schweden geborene Sohn griechisch-österreichischer Eltern, der zurzeit in Berlin lebt, schreibt mit der Kälte flüssigen Stickstoffs. Er bedient sich einer physiologischen Diktion, die im Sinne Strindbergs den Materialcharakter der Seele offen legt. . . . Aris Fioretos hat mit historisierendem Spieltrieb die Phänomene einer zeitlos modernen Epoche kurz vor deren Untergang eingefangen: das graue Geschlecht in grobkörnigem Schwarzweiß.“ – Katrin Hillgruber, Der Tagesspiegel

 

„verblüffend, dass gerade ein griechisch-schwedischer Autor einen der schönsten Berlin-Romane der letzten Jahre schreibt, der außerdem eine intelligente Meditation über sexuelle Ambivalenzen und über den Zusammenhang von Politik und Sexualität ist. . . . Herausragend.“ – Egbert Hörmann, Tip

 

„. . . ein Meisterwerk . . .“ – Roman Luckscheiter, Frankfurter Rundschau

 

„. . . die Nahtstellen zwischen Wissenschaft, Geschichte und Fiktion [werden] subtil umspielt und aufgelöst. [Fioretos’] historisch-dokumentarisch grundierte Version von Science Fiction gehört zu einer der vielversprechendsten literarischen Tendenzen der letzten Jahre. Autoren wie Patricia Duncker, Jonathan Lethem oder Jeffrey Eugenides verwandeln Körpertheorien, Genetik, Krankheitsbilder und Wissenschaftsgeschichte in Romane; sie betreiben auf diese Weise eine Form der literarischen Anthropologie, die von akademischem Staub befreit ist. Oder, weniger emphatisch: Graue Theorie und gute Geschichten können sich näher sein, als mancher vermutet.“ – Jutta Person, Süddeutsche Zeitung

 

„Ein virtuos konstruiertes und atmosphärisch dichtes Buch.“ – Ulrich Rüdenhauer, Saarbrücker Zeitung

 

Die Wahrheit über Sascha Knisch ist ein raffiniertes Buch der geschlechtlichen Verwandlungen und Täuschungen, geschrieben von einem Autor mit schwedischem Pass, griechischem Namen, österreichischen Vorfahren und Berliner Adresse. . . . Mit viel Witz und Verstand inszeniert der 1960 geborene Fioretos in seinem zweiten Roman den Berlin-Mythos der großen sexuellen Ökumene, in der jeder nach seiner Façon selig werden mochte. . . . Aris Fioretos ist ein außerordentlich begabter Autor“ – Wolfgang Schneider, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Wahrheit über Sascha Knisch

Roman · Originaltitel: Sanningen om Sascha Knisch · Übersetzung: Paul Berf · Köln: DuMont, 2003 · 351 Seiten · Umschlag: Groothuis, Lohfert, Consorten, Hamburg

ISBN: 3-8321-7828-7

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