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Klappentext

Ein griechisches Vasenbild inspirierte Aris Fioretos zu dieser Liebeserklärung an den Roman. Er folgt der antiken Bilderzählung Schritt für Schritt, Figur für Figur, um die Eigenheiten modernen Erzählens zu beschreiben. Kenntnisreich und elegant führt er dabei durch die Weltliteratur. Ein Pageturner für Literaturliebhaber.

 

Nehmen Sie dieses Buch und fügen Sie die beiden Enden des Umschlags zusammen. Sie sehen die stilisierte Abbildung eines böotischen Vasengemäldes aus dem 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, das die Enthauptung der Medusa zeigt. In seinem Essay über den Roman entwickelt Aris Fioretos seine Poetik aus der genauen und persönlichen Betrachtung dieses Bildes, wobei die antike Darstellung die moderne Erzählkunst auf überraschende Weise erhellt. Vom antiken Mythos bis zu Proust und Nabokov, von Henry James bis Italo Calvino durchmisst er die Weltliteratur. Wenn er von der Literatur und vom eigenen Schreiben spricht, geht der Romancier Fioretos mit dem Literaturhistoriker ein produktives Bündnis ein: In seiner erzählerischen Form und außergewöhnlichen Gestaltung ist dieser Essay über den Roman selbst ein ästhetisches Vergnügen.

 

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Aris Fioretos, 1960 in Göteborg geboren, ist schwedischer Schriftsteller griechisch-österreichischer Herkunft. Bei Hanser erschienen Das Maß eines Fußes (Essays, 2008), Der letzte Grieche (Roman, 2011), Die halbe Sonne (Prosa, 2013) und Mary (Roman, 2016). Für seine Übersetzungen wie für sein eigenes Werk hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter 2011 den Literaturpreis der SWR Bestenliste und den Kellgren-Preis der Schwedischen Akademie, 2016 den Romanpreis des Schwedischen Rundfunks sowie 2017 den Jeanette-Schocken-Preis der Stadt Bremerhaven. Aris Fioretos lebt in Berlin und Stockholm.

 

Paul Berf übersetzte u.a. Karl Ove Knausgård, Henning Mankell und Selma Lagerlöf. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet. Lukas Dettwiler übersetzte u.a. Bengt Emil Johnson, Göran Tunström und Jesper Svenbro. Kristina Maidt-Zinke arbeitet als Literatur- und Musikkritikerin und war Jurorin für den Deutschen Übersetzerfonds.

 

Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München

Illustration: Birgit Schlegel, gewerkdesign, Berlin, Bearbeitung eines Gemäldes auf einem Keramikgefäß aus dem 5. Jh. v. Chr.: Perseus, Medusa und Pegasus (Museum of Fine Arts, Boston)

Auszug

Als Italo Calvino gegen Ende seines Lebens über die Rolle der Literatur im nächsten Jahrtausend nachdachte, fragte er sich nicht, wie das Los „des Buches im sogenannten postindustriellen technologischen Zeitalter“ aussehen würde. Sein Vertrauen in die „spezifischen Mittel“, die der Literatur zur Verfügung standen, war für Untergangsfantasien zu unerschütterlich. Als Schriftsteller fällt es einem nicht schwer, diese Haltung zu teilen.

Seit die Arbeit an Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend abgebrochen wurde (Calvino starb 1985, ehe er dazu kam, die letzte Vorlesung zu schreiben), ist das postindustrielle Zeitalter jedoch in eine digitale Revolution übergegangen, die die Bedingungen für das Buch verändert hat. Medien, Vertriebsformen, Lesegewohnheiten – fast alles ist beeinflusst worden, und zwar grundsätzlich. Gleiches lässt sich für die Unterscheidung zwischen Hoch- und Populärkultur sagen. Die Grenze zwischen Kunstformen. Oder einen Begriff wie Kanon. Und es gibt gute Gründe anzunehmen, dass momentan etwas ähnliches mit unserer Vorstellung von Nationalliteraturen geschieht. Die Zeiten, in denen der Ungar Arthur Koestler und Anaïs Nin mit ihrer französisch-spanisch-dänischen Herkunft beinahe die Einzigen waren, die in ihrer Zweit- oder Drittsprache schrieben – Deutsch beziehungsweise Englisch – sind seit langem vorbei. Die Karten der Literatur und der Geografie sind nie identisch gewesen, heute sind sie es weniger denn je.

In diesem Essay erlaube ich mir, vom Roman zu träumen. Ähnlich wie Calvino möchte ich mich mit „einigen Werten oder Qualitäten der Literatur […], die mir besonders am Herzen liegen“, beschäftigen. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass die Welt unruhiger geworden ist, seit er schrieb. In den letzten dreißig Jahren – ebenso viele vor der Jahrtausendwende wie danach – ist nicht nur eine Übersicht verlorengegangen, die zu besitzen wir uns vielleicht nur eingeredet haben, sondern auch der Glaube an sie. Es fragt sich sogar, ob es möglich ist, „wir“ zu sagen und wirklich zu wissen, was damit gemeint ist.

Um dieser Unordnung gerecht zu werden, sind Calvinos sechs Punkte im vorliegenden Essay ergänzt worden. Außerdem wird ein Beispiel antiker Vasenmalerei aufgegriffen, das in bearbeiteter Form auf dem Umschlag des Buchs wiedergegeben ist. Die Gedankengänge sind in einer Reihe von Worten zusammengefasst – Mittel, Eigenschaften, Phänomene; Träume, Alpträume –, die der Einfachheit halber am Seitenrand platziert wurden. Die meisten scheinen eher Schlag- als Stichworte zu sein. Dennoch bewegen sich diese Betrachtungen hoffentlich wie Fischschwärme: als eine Einheit, obgleich sie aus vielen wechselnden Teilen bestehen. Auch wenn ein solches Verfahren eher suchend als bestimmend wirken mag, folgt das Buch doch einer Linie. Nur dass diese Linie, die von dem auf dem antiken Gefäß abgebildeten Mythos ausgeht, bei genauerer Betrachtung einer Unzahl von Punkten oder Worten entspricht. Übrigens vermute ich: Calvino würde die Auffassung teilen, dass der Essay ein sich schlängelndes Unterfangen ist. Gäbe es für ihn ein Emblem, es wäre der Mäander.

Sollte für die Unzahl der Worte am Seitenrand eine Bezeichnung erforderlich sein, müsste es ein Begriff aus der Welt der Sammler sein. Desiderata bezeichnet eine Liste der „begehrten Dinge“, die für einen besonderen Zusammenhang notwendig sind. Weniger hochtrabend könnte das Verzeichnis auch eine Such- oder Wunschliste genannt werden. Zum einen würde dies die Suche nach Erkenntnis betonen, die den Roman seit dem cholerischen Feldzug eines gewissen Ritters in Spanien um 1600 geprägt hat. Zum anderen würde es den Wunsch als Existenzmodus unterstreichen; will sagen die optative Verbform, die in den germanischen Sprachen und im Lateinischen vom Konjunktiv übernommen wurde, der meiner Vermutung nach die besondere Daseinsform der Literatur bildet. (Besteht die Welt in einem Roman nicht eher aus Möglichkeiten als aus Realitäten? Ist sie nicht immer „sozusagen“?) Doch mir gefällt das Wort Desiderata. Vielleicht weil der Plural andeutet, Begierde ist eine Vielzahl.

 

(S. 7–9)

Rezensionen

»Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman, und Aris Fioretos ist sein Prophet. Dass er es schafft, durch einen liquiden ›Essay‹ beim Leser ähnliche Effekte auszulösen, wie er sie in seinen gedankensprühenden Erinnerungen an die Zukunft der großen Romane beschreibt und beschwört, muss man feiern: Was für ein Lese-Buch!!« – Hermann Wallmann, Mosaik, WDR3

Wasser, Gänsehaut

Essay · München: Carl Hanser Verlag, 2017 · 208 Seiten · Übersetzt aus dem Schwedischen von Paul Berf, Lukas Dettwiler, Kristina Maidt-Zinke

ISBN: 978-3-446-25657-6

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