Sieben Fragen von der Bibliothek Jönköping (11.X.16)

1. Haben Sie ein literarisches Vorbild?

Wenn man ein paar Bücher alt geworden ist, erscheint es einem komisch, nein, fremd, literarische Vorbilder zu haben. Aber es gibt viele Kollegen, die ich gern lese. Selma Lagerlöf, zum Beispiel. Oder Ben Marcus.

2. Welches ist das beste Wort des Schwedischen?

Zweifelsohne och, »und«.

3. Und welches ist das schlimmste?

Ich disse ungern Worte. Aber das viele Schwenglisch, das an den unerwartetsten Stellen auftaucht, ist nicht gerade eine Zier.

4. Was ist Glück für Sie?

Ein balancierter Satz. Eine gewisse Tochter. Hundert Sonnen.

5. Welches Buch hätten Sie gern geschrieben, wenn es nicht schon geschrieben wäre?

Es ist kein Buch, aber: Das Hohelied Salomos.

6. Haben Sie eine verborgene Eigenschaft, auf die Sie stolz sind?

Wenn ich eine nennen würde, vorausgesetzt ich hätte eine, wäre sie nicht länger verborgen.

7. Wenn Sie nicht schreiben dürften, was würden Sie dann tun?

Nicht mich selbst meinen, wenn ich »ich« sage.

Heimatlos sein, glaube ich.

21 Gramm weniger wiegen.

Letzter Septembertag 2016

Schrecklich, bevor ich es schaffe, mich zu verstecken und in der Arbeit an einem neuen Buch zu vergessen, benehme ich mich wie Stig Dagerman: Ich warte auf die Post, als würde mir Gott persönlich schreiben. Erst als es im Briefkasten rasselt, lässt die Anspannung nach. Da ist der halbe Tag vergangen. In solchen Phasen frage ich mich aufrichtig, was einfacher wäre: Arbeitsruhe zu finden oder den Sonntag zum einzigen Posttag auszurufen.

6. Februar 2015

tumult am siebten tag.  Gestern gab ich das neue Buch im Verlag ab, und erlebe seither den nunmehr so vertrauten Tumult. Seit bald dreißig Jahren: das gleiche alte Lied. Da ist Schwindel, da wirbeln Erleichterung und Vermissen durcheinander, und das Gefühl, etwas Unverzeihliches begangen zu haben, lässt sich nie ganz von sich weisen.

Als ich nach Beschreibungen suche, sehe ich ein, ich muss mehrere kombinieren, um der Verwirrung gerecht zu werden. Die erste Schilderung finde ich in Das wahre Leben des Sebastian Knight, einem Roman, den ich übersetzt habe, der jedoch nicht zu meinen persönlichen Favoriten zählt. An einer Stelle beschreibt Nabokov die typische Erleichterung, durchmischt mit Übermut. Es ist ein Tag im April 1927, irgendwo in London:

Die Tür öffnet sich. Man erblickt Sebastian, der mit ausgestreckten Armen und Beinen in seinem Arbeitszimmer auf dem Boden liegt. Clare ordnet die Schreibmaschinenseiten auf seinem Tisch zu einem sauberen Stapel. Der Eintretende bleibt stehen.

»Nein, Leslie«, sagt Sebastian vom Fußboden herauf, »ich bin nicht tot. Ich habe gerade eine Welt erbaut, und dies ist meine Sabbatruhe.«

Von außen mag der Autor tot erscheinen, aber im Inneren herrscht die große Ruhe nach der Sturm – sowie die anmaßende Gewissheit, eine Welt vollbracht zu haben, die es nur in einem Exemplar gibt. Das ist der Demiurg am Ruhetag, zufrieden.

Aber in meinem Tumult ist auch ein rostiges Vermissen enthalten, das bis zur Verwechslung einer traurigen Freude ähnelt. Am besten lässt sich das Gefühl von einem Souvenir aus Hiroshima erfassen, wo bei einem Bild, das einen Atompilz zeigt, steht: »On a nice day we feel good and our hearts sing …«

Und dann ist da der seltsame Verdacht, geschändet zu haben – diese unselige Ahnung, sich an etwas, das nicht ganz menschlich ist, vergriffen zu haben – ohne dass der Tumult, den ich erlebe, nicht auch noch schauderhaft wäre. Der orphische Defätist Gottfried Benn hat das Gefühl am besten zusammengefasst, glaube ich, als er in einem Essay beschrieb, wie es sich anfühlt, »innen Earl, außen Pariah« zu sein.

Erleichterung, Übermut, Trauer, Jubel, Vermissen, Wehmut, Verdammnis … Welch ein Spektakel.

17. Juni 2014

Viele Jahre misstraute ich meinen Träume. Es schien mir allzu leicht, sie als Wünsche zu deuten, die vom Über-Ich befreit waren. Sofort nahm die Delegation aus Wien auf der Bettkante platz. Wenn ich aufwachte, genügte es, den Kopf zu schütteln, damit der Wunsch, den Traum auszulegen, verschwand. Und nie überkamen mich später am Tag irgendwelche Erinnerungen – eine nachträgliche Einsicht oder das Gefühl, unerwartet etwas Verborgenes erblickt zu haben. Seit einiger Zeit träume ich jedoch wüst und lustvoll. Wenn ich jetzt erwache, ist es, als hätte mein Gehirn fünfzehn Runden überstanden. Ich fühle mich in einer Weise glücklich ermattet, wie man sich sonst nur fühlt, wenn der Körper angestrengt worden ist. Das Gefühl, der Traum »war es Wert«, ist überwältigend, ohne dass ich die geringste Ahnung hätte, was »das« sein sollte.

Vertraue diesem »das«. Mehr fordert kein Traum.

Das Geheimnis von gutem Sex: Gier und Großzügigkeit machen gemeinsame Sache.

Worte aus dem Traum (über eine geliebte Person, die heute Nacht vor 27 Jahren starb): »Du bist so maßlos, noch immer.«

Es ist ein paar Mal zu oft passiert, um es als Zufall betrachten zu können. Ich rede mit einer anderen Person. Doch statt eine durchdachte Auffassung über etwas, das ich zufällig gemacht habe, in Worte zu fassen, schreibe ich die Betrachtung einem dritten Part zu. Plötzlich macht die Person, mit der ich rede, mit. Solange ich selbst Anspruch auf den Gedanken erhob, musste ich mit Zweifeln, qualvollem Nicken oder unverdorbenem Widerstand rechnen. Nun aber, da ich behaupte, die Ansichten stammten von einem dritten Part, ist der Weg frei, mir zuzustimmen.

Es tut merkwürdig gut zu wissen, dass die eigene Person dem Einverständnis im Wege stehen kann.

Ein Kollege, der bisher vom Gerücht umweht gewesen ist, »schwer« und »seriös« zu sein, oder der mindestens Bücher geschrieben hat, die nur wenige Leser als unterhaltsam betrachten dürften, möchte Erfolg genießen. Neulich erschien der erste Teil von etwas, was angeblich ein epischer Roman mit historischem Thema auf tausenden von Seiten in drei Bänden werden soll. Warum nicht? Der Kollege hat alles Recht der Welt, sich mehr vom Leben zu wünschen als Auflagen in Höhe von 2 000 oder gar 5 000 Exemplaren, von denen ein Drittel verkauft wird, ehe sie das Buch verramschen. Wer möchte nicht von seinem Schreiben leben? Außerdem besagt nichts, dass ein Text verwerflich ist, nur weil der Autor sich darum bemüht, dass der Leser umblättert.

Dennoch ist unschwer zu erkennen, dass der Kollege die Seiten gewechselt hat – vom Glauben an die literarische Prosa als selbständige Erkenntnisform zur Genreliteratur. In Interviews werden kategorische Behauptungen gemacht, des Öfteren gegen diejenigen gerichtet, die Genreliteratur nicht bevorzugen, Behauptungen, die alle nur eins anstreben: seine Wahl zu rechtfertigen. Wenn das nicht als ein Beweis dafür genügt, wie schlechtes Gewissen zur Überzeugung geadelt wird, zeigt es das Bedürfnis, sich auf Kosten anderer zu profilieren. Oder der Überfluss an Adjektiven und historischen Details im Text. Alles muss irgendwie mit von der Partie sein, und die Anzahl an Substantiven, die ohne nähere Bestimmung auskommen, ist gering. So etwas passiert, wenn Spachtelmasse tragende Wände ersetzen soll. Der Rest ist das Übliche: ein angemessen unkonventionelles Sexualleben, zugespitzt mit sogenanntem politischen Stoff. Ein Werk dieser Art steht im selben Verhältnis zur Literatur wie eine Coverband zu ihrer Musik.

Wie drückte es einst James Fenimore Cooper aus? Much book, little know.

Später Nachmittag; ich fühle mich lustlos. Nichts geht, wie es sollte. Vorsätze zerbröseln, ehe ich sie in etwas Handfestes umzuwandeln vermag. Plötzlich kommt mir ein Wort in den Sinn: »Gottespulver«. Was um Himmels Willen soll das heißen? Gottespulver?

Ich lese eine Sammlung von Aphorismen, dabei fällt das Bedürfnis des Schreibenden nach Klarheit auf. Das eine Mal geht es darum, das Durcheinander von Vorurteilen zu entwirren, ein anderes Mal wird versucht, einer Ahnung einen Raum zu verschaffen, damit der Gedankengang auch nach Ende der Lektüre nachhallen kann. Diese Fähigkeit des Autors, Seite für Seite Klarheit zu erzeugen, ist bewundernswert – ebenso bewundernswert wie seine eigene Erklärung, warum er einen französischen Kollegen bewundert, der einst eine Schrift über sich selbst zusammenstellte, in der das Staunen zur Kunstform wurde. Er, der Franzose, habe »eine Literatur außerhalb der Literatur geschaffen«. Einer solchen Begeisterung gibt sich nur jemand hin, der irgendwann die Literatur vor das Leben gesetzt hat.

Hindert das Bedürfnis nach Klarheit einen, Gedichte, einen Roman, ein Drama zu schreiben? Vielleicht. Aber auch hier wird Klarheit verlangt, nur sieht sie anders aus. Wenn ein Stück Literatur innerhalb der Literatur zur Stande kommt, das aber gleichzeitig ihre Grenzen erweitert, stehen wir vor etwas, das nicht durchleuchtet, sondern die Umstände in ihrer erschütternden Undurchdringlichkeit hervortreten lässt. Es ist, als zeigte die Röntgenaufnahme auf einmal ein unbekanntes Organ aus Blei.

Und wenn ich ein Tagebuch führe? Schon wieder, wollte ich gerade erwidern – als ob ich das je getan hätte … Die Notizbücher, die ab und zu über die Jahre hinweg verwendet wurden, haben immer nur als Mülleimer der Seele gedient. Hier endeten die Gedanken, die durch eine Formulierung halbwegs verworfen wurden; hier sind die knappen Telegramme der Synapsen über nichts besonderes, die vielen Berichte von den Pyrrhussiegen am Schreibtisch entsorgt worden. Aber eine sorgfältige Vivisektion der eigenen Beweggründe, der Hoffnungen und Affekte? Oder ein aufmerksames Ausforschen der Gegenwart, der Fluktuationen des Zeitgeistes oder zumindest der Flora und Fauna des allgemeinen Kulturlebens? Nada. Heute würde ich gerne lesen, was ich – zum Beispiel – über den Umgang mit deutschen Literaten während der ersten Jahren dachte. Oder was ich zehn Jahre zuvor über die Selbststilisierung älterer schwedischer Kollegen befand. Aber ebenso würden mich ehemalige Freundschaften interessieren, inklusive der blinden Flecken, die erst im Nachhinein deutlich werden, und all jene Leidenschaften, die spätere Versionen von mir mit Knoblauch und Spiegeln ausgetrieben haben.

Stattdessen fingere ich missmutig an geheimen Vorbehalten herum. Was ist aus meiner Vorbehaltlosigkeit geworden? Wo ist der Jubel, wo sind die Dithyramben? Im Kurzzeitgedächtnis erscheinen die wohlüberlegten Ansichten späterer Jahre so wishy-washy. Ist das der Preis dafür, dass man an den Fortschritt zu glauben vermag, diese entsetzliche Unlesbarkeit?

Wie viel einfacher es doch ist, Argwohn zu schwarzen Perlen zu schleifen, als Freude zu einem Fingerhut zu formen.

Kein unnötiger Zynismus, und nie bloß Galgenhumor. Es geht doch darum, an das tapfere Verzweifeln heranzukommen, auch an die Hitze der Traurigkeit?

Manche Sachen können nur bekanntgegeben werden, wenn man tot ist. Die Literatur ist die einzige Art, diese Regel zu umgehen, ohne dabei zu sündigen.

Heiner Müller bietet kargen Trost, aber vermutlich den einzig verfügbaren in den Zeiten des Bestsellerismus: Erfolg ist nicht gleich Wirken. Sonst würde Goethes Gerede von »Weltliteratur« wie Pfeifen im Walde klingen.

Als Gattung ist der biographische Roman ein Gräuel. Der Autor macht sich zum Trittbrettfahrer einer anderen Person! Als ob es nicht ausreichen würde, dass diese Person nie angefragt wurde, wird ihr Leben auch noch mit Fazit in der Hand erzählt. Die Höhen und Tiefen werden retrospektiv geschildert, nachdem die Rückschläge erduldet, die Kämpfe gewonnen worden sind – will sagen: von einem Hügel in der Landschaft aus, der einen Überblick über ein Lebensschicksal erlaubt. Erzähltechnisch bedeutet es, dass die Existenz als Erfolgsgeschichte behandelt wird, was gegen dem grundlegendsten Gefühl widerspricht, das ein Mensch haben kann – dass er sich »mittendrin« befindet.

Der raison d’être des biographischen Romans sollte nicht die maskierte Leichenschau, sondern der Schock sein, am Leben zu sein. Wenn man sich als Autor dennoch nicht davon abbringen lässt, historisches Material zu nutzen, ist das Mindeste, was die auserwählte Person verlangen dürfen sollte, dass die Erzählkniffe, die eine in die Jahre gekommenen Gattung zur Verfügung stellt, das Leben nicht in einer Dramaturgie einsperrt, dies es jedem anderen Leben verwirrend ähnlich sehen lässt. Niemand lebt illustrativ; jeder Mensch ist ein Beispiel nur seines Selbsts. Die Vorstellung, ungefragt Gegenstand eines biographischen Romans zu werden, in dem jeder, der die Ohren spitzt, das selbstgefällige Ticken der historischen Taschenuhr hören kann, ist genug, um so bodenlos langweilig, so einzigartig eintönig leben zu wollen, dass niemand je auf die Idee käme, Literatur aus diesem Leben zu machen.

Ab und zu besuche ich jemanden, der mit graphischen Blättern handelt. Diesmal war ich auf der Suche nach Libellen, aber als er mir einen handkolorierten Kupferstich von Termiten zeigte, konnte ich nicht widerstehen. Er ist von »~1820«, wie mit Bleistift auf der Rückseite notiert steht. Unter den Zeichnungen von Insekten in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung sieht man, was ein Märchenberg von Arnold Böcklin in braunen, grauen und grünen Nuancen sein könnte. Mit seinen hohen, dünnen Zinnen fühlt man sich an einen Spargelkopf erinnert. Auf der Zeichnung daneben sieht man dieselbe Formation, nun jedoch im Querschnitt. Die Termiten scheinen ihre Zerstörungsarbeit verrichtet zu haben. Der Innenraum ist ausgehöhlt; zwei Drittel bestehen aus weißem Pulver, ein Drittel ist Leere.

Erst als ich das Blatt umdrehe, verstehe ich, was ich sehe. »Das Merkwürdigste von diesen Insecten«, wird auf der Rückseite hervorgehoben, »ist der große und künstliche Bau ihrer Wohnungen. Diese sind oft 10 bis 12 Schuh hohe, aus Ton und Sande aufgeführte Hügel, welche Außen viele emporstehende Spitzen und Zacken haben, inwendig aber hohl, und mit einer Menge von Gängen, Zellen und Wohnungen versehen sind. Diese Hügel sind so fest, daß mehrere Menschen darauf stehen können, ohne sie einzudrücken. Von ferne sehen sie aus wie Negerhütten.«

Mein Traumtext wäre so eine Hütte. Mit einer Schale aus Gängen und Unterschlüpfen, die dennoch das Gewicht von Riesen duldet, und mit einem Inneren, das zu zwei Dritteln mit Gottespulver gefüllt ist – sowie mit einem Drittel Leere, damit der Leser Platz findet.

Literatur – oder der Beweis, wie man Freiheit durch Ordnung erreicht.

Thomas Mann hielt Hermann Hesse unter genauer Beobachtung. An einer Stelle in seinen Tagebüchern notiert er, dass er soeben Das Glasperlenspiel gelesen hat. Sein Urteil? »Beruhigt.« Mehr muss niemand über die Bedeutung der Rivalität für schreibende Wesen wissen.

Alter Buchtitel: In einer Abtreibungsklinik in Betlehem.

Titel, den ich lange als Arbeitstitel verwendete: Sieben Kapitel über Schmerz.

Buch, das ich wünschte, schreiben zu dürfen: Atlas über abgelegene Instinkte.

Noch eins: In der Termitenhütte.

Und ein drittes: Hitze.

Titel einer Biographie: Mein zweiter Selbstmord.

Kurzroman: Der Tag, an dem nichts passierte.

Werk auf ausländisch: Instructions pour un crépuscule.

Kurzgeschichtensammlung, die ich nie zusammenstellen möchte: Liebe und andere Katastrophe.

Auswahl von Aphorismen: Gebrauchsanweisung zum Staunen.

Pamphlet: Seelen in Plastiktüten.

Traumseminar, gegebenenfalls religiöses Traktat: »Das«.

Gedichtband: Requiem für eine Mücke.

Fragen der Zeitschrift Vi (März 2013)

Gibt es ein besonderes Wort, das Ihnen mehr bedeutet als andere?

Unser Wort für »und«: och.

Welche Assoziationen weckt das Wort in Ihnen?

Es ist nur eine Silbe lang – aber welche Verbindungen es schafft. Ja und Nein, Himmel und Hölle, Du und Ich … »Und« hat weder Anfang noch Ende. Gleich dem Korallenriff fügt es nur hinzu, macht das Dasein reicher und komplizierter. »Und« ist die kürzeste Antwort auf die Fülle der Welt.

Denken Sie an die Brezel, die die Römer verwendeten: &. Sieht sie nicht aus wie ein Unendlichkeitszeichen im Profil? Ein kleiner Ewigkeitsbuddha. Aber zwei Spitzen ragen heraus. Als ob nicht einmal die Ewigkeit genug wäre, sondern das Wort sich für noch etwas öffnete – aufwärts und abwärts …

Kennen Sie den Ursprung des Worts?

Angeblich geht es auf ein urgermanisches Wort für »Zunahme« zurück, auka-. Reste davon findet man im Wort »auch«.

Wie finden Sie, klingt das Wort?

Wie eine kurze Explosion im Mund – ebenso schmerzvoll wie begehrenswert. Durch das o holt der Mund Luft, dann macht die Zunge einen Buckel und nach dem ch der Zündung breitet sich alles wieder in die Welt aus. Och fühlt sich an wie das Starten eines alten Volvos.

Ich komme nicht umhin, in dem Wort auch noch das wehmütige óch der Griechen zu hören, also unser ack, »ach« – als ob das Wort auch noch ein Seufzer wäre. Vielleicht jener, der zu hören war, als die Welt erschaffen wurde? In dem Falle ahmt der Mund den ersten Tag nach, jedesmal, wenn wir ihn öffnen.

Verwenden Sie das Wort oft?

Kein Tag ohne.

In welchem Zusammenhang?

Wenn es nicht genügt, zu schweigen.

Kennen Sie andere Autoren, die das Wort gern verwenden?

Sie müssen entschuldigen, aber was die Kollegen in den Mund nehmen, entzieht sich meiner Kenntnis.

Was würden Sie sagen, welche Rolle spielt das Wort im heutigen Schweden?

Die unscheinbarste, aber wichtigste. Schweden darf gern eine Und-Gesellschaft sein.

Welches Wort wäre der absolute Gegenpol?

»Oder«, das nicht vereint, sondern trennt.

Wem würde es gut bekommen, das Wort öfter zu verwenden?

Oder-Menschen.

2008

Das einzige Talent, für das ich als Jugendlicher zu Recht weltberühmt war: Schule schwänzen. Als ich ins Gymnasium ging, fand man mich öfter an einem Cafétisch als an einem Schulpult. Schwer zu sagen, warum. Es wäre zu einfach zu behaupten, daß es mit hormonellen Veränderungen oder der Entdeckung zusammenhing, daß nicht nur der Himmel, sondern auch die Seele bodenlos war. Der Wahrheit näher käme, daß ein unsichtbarer Weg vom Sechzehn-, Siebzehnjährigen zu jenem grimmigen Sechsjährigen zurückführte, der von zu Hause ausriß – und vorwärts zu dem Bürokraten mittleren Alters, der ich bis vor kurzem war und der ohne weiteres einen Termin erfinden konnte, um nicht in seinem Büro sitzen zu müssen, wo von ihm erwartet wurde, im Auftrag des Heimatlandes Großes zu vollbringen, und statt dessen durch die Stadt streunte in der Hoffnung, die Knoten in einem Text zu lösen, den er noch nicht einmal begonnen hatte. In neun von zehn Fällen blieb ihm nur die Irritation, die sich einstellte, wenn er sich Stunden später, meistens ohne ein Wort zu Papier gebracht zu haben, der Wäsche, dem Kochen, dem Zähneputzen des Kindes widmete. Diese Rollen – der Ausreißer, der Schwänzer, der Abtrünnige – sind offensichtlich verschiedene Versionen des gleichen, nicht reformierbaren Bedürfnisses: seinem eigenen Kalender zu folgen.

Und trotzdem … Wie willig, wie lustvoll habe ich davon geträumt, ein Rädchen in der großen Maschinerie zu sein. O, diese Utopie, Buchhalter, Angestellter, Beamter zu werden! Ist sie nur die Kehrseite der Medaille – also der Wunsch, in Frieden gelassen zu werden, diesmal jedoch, indem man sich austauschbar macht? In manchen Situationen bietet das Soldatenleben den besten Schutz. Keiner ist so loyal wie der Rekrut, der auf den richtigen Moment zu desertieren wartet.

»Wo willst du hin?«
»Auf den stillen Ort. Bete für mich.«

Die achte Todsünde: Phantasielosigkeit.

Als sie erkannte, daß Schmeicheleien, ironisch formuliert, ihr alle Türen öffneten, konnte sie in seinem Wohlwollen nach Belieben ein- und ausgehen.

In jüngeren Jahren störte mich die Unfähigkeit der Menschen, über etwas anderes als sich selbst zu sprechen. Meine Reaktion war die des Unerfahrenen: Ich versuchte, mit einer eigenen Erkenntnis oder Leistung zu kontern. Dann ging mir ein Licht auf: Die einzige Haltung, die diesen Namen verdiente, war die Weigerung, ständig über sich selbst zu sprechen. Der Vorteil bestand nicht nur darin, daß man mehr über die Welt lernte, indem man zuhörte (letztlich nur ein Geiz, der sich als Großzügigkeit maskierte), sondern auch darin, daß das Ich andere Proportionen annahm. Vor fünfundzwanzig Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, heute jedoch weiß ich, Teile von mir existieren auf der Innenseite anderer Menschen. Macht mich das schwächer, macht mich das abhängiger? Keineswegs. Überlebenstauglicher.

Feuilletonchef S. ist so auf seine Sonderstellung bedacht, daß er jede Handlung, die nicht seinetwegen ausgeführt wird, als Beleidigung auffaßt. Ich lud ihn einmal zu einem Auftritt in der Institution ein, in der ich bis vor ein paar Monaten tätig war. Eine Viertelstunde, zwanzig Minuten verbrachten wir plaudernd in meinem Büro. Dann mußte ich einen Briefumschlag zukleben. Augenblicklich erhob sich S. aus seinem Sessel und bekam etwas von einem eingesperrten Tier. Er dachte, er sei ein Löwe. Nun sah man, was er war: ein Meerschweinchen ohne Rad.

Lange quälte mich eine eigentümliche Mischung aus Schuldbewußtsein und moralischen Skrupeln. Wenn mir jemand schrieb und eine Frage stellte – und sei es nur nebenher, womöglich ohne wirkliches Interesse –, fühlte ich mich verpflichtet, auf die Sache einzugehen. Wenn ich es unterließ, konnte es mich den Schlaf kosten, was zu absurden Kraftanstrengungen führte, um die Sache nachträglich zu reparieren. Im Laufe der Zeit erkannte ich, daß dieser Wille, es allen recht zu machen, mir von außen auferlegt wurde. Im Grunde verachtete ich vielleicht sogar die Person oder empfand zumindest Widerwillen gegen die Situation, in die sie mich versetzt hatte, so daß meine Einstellung früher oder später ins Gegenteil umschlug. Ich wurde arrogant oder oberflächlich, erlaubte mir absurde Übertreibungen oder abschätzige Urteile. Was für ein Spektakel. Wer seine Ruhe haben will, tut gut daran, sich der Zerstreutheit hinzugeben. Desinteresse ist fast immer ein Kraftakt. Nur der Zerstreute weiß, daß man nicht mit den Schlüsseln zur Ruhe klimpern darf, wenn man in Frieden gelassen werden will.

Apropos des ewigen Geredes über Stil: Stil ist das, was man nicht hat, wenn man ihn verlangt.

Genuß? Ich kann nicht sagen, was das ist, nur, worin er bestehen kann. Eine Eigenschaft bleibt konstant: Die Zukunft spielt keine Rolle mehr. Die Weisheitslehren wollen uns glauben lassen, das stimme nicht. Sie behaupten, nur das Wissen um eine Zukunft, der wir selbst nicht angehören, verleihe der Gegenwart Würze. Genuß gründet sich folglich auf Endlichkeit. Entweder wir ignorieren dieses Wissen, woraufhin wir im Überschwang die Fassung verlieren (wer hätte nicht vom Schwindel gehört, der Menschen am Abend vor dem Jüngsten Gericht erfaßt?), oder wir leben danach, was heißt, daß wir uns zügeln. Ersteres ist ein Leben in seiner dekadenten Form, letzteres ein (ethisches oder ästhetisches) Projekt. Ich spreche nicht von Ausschweifung oder Kultur; ich spreche von Selbstvergessenheit mit gesteigertem Gegenwartssinn. Nur dann stellt sich das, so begehrenswerte wie erstaunliche, Gleichgewicht ein. Als gäbe es kein Morgen.

Welchen Vorteil es hat, »über eine Sache zu schlafen«, lernte ich erst spät. Immer noch überrascht es mich, daß der Trick tatsächlich funktioniert. Am Vorabend herrscht Tiefdruck im Gehirn, am nächsten Morgen ist der Himmel klar. Oder es regnet in Strömen. Wie immer das Wetter aussehen mag: Es geht weiter.

Die einzige Benimmregel, die es wert ist, befolgt zu werden: Äußere nie ein gutes Wort über dich selbst.

Vor vielen Jahren hörte ich auf, Ausrufezeichen zu benutzen. Der Einwand war banal: Ein Satz muß selbst Steigerung oder Nachdruck suggerieren können. Gleichwohl irritierten mich Sätze, die mit einem Fragezeichen enden sollten, bei denen der Verfasser es jedoch unterlassen hatte, eins zu setzen. Warum? Müßte für Fragezeichen nicht das gleiche gelten wie für Ausrufezeichen? Nicht doch. Im Gegensatz zum Ausruf ist die Frage von etwas abhängig, das der Satz selbst nicht einschließt.
Nachdem ich die Aufzeichnung eines schottischen Dichters gelesen habe, erkenne ich ein neues Problem. »Ausrufezeichen sind etwas für Hysteriker«, schreibt er. »Ellipsen etwas für die Sensiblen. Der Doppelpunkt ist für die Herrschsüchtigen.« Trotz der Zuspitzung hat er möglicherweise recht. Fragt sich nur, was ich nun mit dem Doppelpunkt anstellen soll, den ich immer gemocht habe. Die Antwort des Autors reicht doch nicht? »Bitte: Können wir entweder die gesamte Interpunktion bekommen oder gar keine …« In diesem Satz heuchelt der Besserwisser Bescheidenheit. Nur ein Fragezeichen hätte ihn gerettet. 

Also, was soll ich mit dem Doppelpunkt anfangen? Was?

 

Er veröffentlicht ein Buch, und der einzige Einwand der Kritiker scheint zu sein: stilistisch viel zu gut. Wenn er jongliert, heißt es, verliert er keine Bälle. Die Brillanz erweckt Anstoß. Was für schlampige Leser! Er selbst hört auf den Seiten Träume und Porzellan zerschellen. Und im übrigen: Sieht man denn nicht, daß es sich um Christbaumkugeln und Granaten, um Nervenbündel und Spüllappen handelt? Reicht das nicht aus, damit sein Buch nicht mit einem Zirkus verwechselt wird? »Bitte sehr«, denkt er, »setzt euch auf die dreibeinigen Stühle in meinem Schädel. Erwartet aber keinen Seelöwen. Oder daß ich absichtlich vorhabe, die Fassung zu verlieren.«

 

Aphorismen sprechen selten im Konjunktiv. Was nicht heißt, daß sie die Unsicherheit verschmähen, nur, daß sie sich die Welt selbst einrichten – und in welcher Welt ist der Schöpfer schon unsicher, ob es sie gibt? In unseren Zeiten betrachtet man diese – eher indikative, an Voraussetzungen gebundene – Eigenschaft mit Vorbehalten. Man bevorzugt das Fragment, die Notiz, die Aufzeichnung – diese Garanten des Unfertigen. Die Einstellung ist nicht unsympathisch. Auch mangelt es ihr nicht an Gespür für die Eigenart von Literatur. Aber etwas an dem Anspruch auf Unfertigkeit ist vertrackt. Wer schreibt, will als er selbst aufgefaßt werden, eine Person »mit Warzen und allem«, wie die Angelsachsen sagen. Er ist mit anderen Worten ein Mensch, der noch seliggesprochen werden muß. Dieses Bedürfnis fordert jedoch laufend mehr Platz. Wenn die Person nicht so scharfsinnig ist wie Canetti, so unterhaltend wie Lichtenberg, so zerrissen wie Cioran in seinen besten Momenten, verbraucht sie mit der Zeit allen Sauerstoff in dem Raum, den ihre Aussagen öffnen. In dieser Hinsicht ist der Aphorismus anders. Er begrenzt die Notwendigkeit einer Aussage auf ein Minimum. So kann der Leser durch die Welt streunen, die nach seinem Belieben eingerichtet wird. Der Aphorismus läßt uns den Schreibenden vergessen.

Nabokov, der sein ganzes Leben der Bekämpfung von poshlost widmete, dem von der Masse gefeierten Kitsch, war selbst nicht ganz frei von diesem Gebrechen. Um uns zu trösten, vergoldete er das Gerümpel mit solchem Gefühl für Klarheit und Komposition, daß die meisten Leser seine Kritik für bare Münze nehmen. Aber ist er nicht der Kitschigste von uns allen? Gütiger Himmel, er liefert sogar genaue Anweisungen dafür, wie die Broschen aus der Vitrine benutzt werden sollen.

Schriftsteller sagen so viel Dummes über das Schreiben. Dies gehört nicht dazu.

Wenn du über dich selbst nachdenken mußt: Solidarisiere dich wenigstens mit den Termiten im Gebälk des Ichs.

Die Vorgeschichte des Übermuts. Ein regnerischer Sonntag im Februar. Seit acht Stunden – als ich aufwachte, war es noch dunkel – schreibe ich, was mir in den Sinn kommt, gleite wie ein Fisch im Wasser durch Reflexionen, fühle mich mit nichts verbunden als mit diesem Tag. Mein Zutrauen könnte kaum größer sein. Am Nachmittag, gegen halb drei, koche ich ein Ei, streiche Butter aufs Brot. Überwältigt von diesem seltsamen Rausch der Klarheit beschließe ich die Mahlzeit mit einer Tüte Gummibärchen, die ich im Vorratsschrank finde. Sie legen sich wie ein Klumpen in meinen Magen. Der Tag endet, ehe ich es begreife.

Die Dichtung fragt: »Wer bin ich?« Das Drama: »Wer soll ich sein?« Nur der Roman sagt: »Ich bin viele.«

Das Gefühl, wenn sich ein Text noch nicht einmal vorwärtsschleppt. Zweiminütiges Blättern in den Papieren reicht, um sich stundenlangen Ausweichmanövern zu widmen (Wäsche, Putzen, Nasebohren). Achtung: der Schriftsteller bei der Arbeit.

Die Tochter, als wir uns vor dem Weg zum Kindergarten anziehen: »Hey, paß auf mit meinem Körper! Es gibt ein Skelett in meinem Körper!« Wie erreicht man das Niveau einer solchen Poesie?

Nach dreiwöchigem Wassertreten stellt sich der Rhythmus ein. Seit ein paar Tagen ignoriere ich die Mails, sehe keine Veranlassung, ausländische Zeitungen im Netz zu lesen, gucke kaum fern. Alles ist Routine geworden, mit einer Vierjährigen, die in ihrem rosa Zimmer tobt. So sicher wie das Amen in der Kirche kommt die Scheu. Telefonate, die geführt werden müssen, schiebe ich endlos auf und rasiere mich nur, wenn das Kind findet, daß ich kratze. Die Post vergesse ich im Briefkasten. Die Gespräche mit dem Vietnamesen an der Ecke reichen mir als Gesellschaft – und die Spiele im rosa Zimmer. Freundlicher Alltag, lasse den Regenbogen eine Weile noch an diesem Schreibtisch verharren.

Notizen · Übersetzung von Paul Berf u.a. · Work-in-progress · Teilweise publiziert in: Sinn und Form, 2014, No. 2, S. 239–243