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Klappentext

Als der Arzt Nelly B. eröffnet, dass sie wegen eines Herzleidens nicht mehr fliegen darf, bricht für sie eine Welt zusammen. Als erste Frau in Deutschland hat sie den Pilotenschein gemacht und mit ihrem französischen Mann eine Flugschule geleitet. Sie verlässt Paul, findet eine Stelle bei BMW, wo sie Motorräder verkauft, nimmt Quartier bei einer Berliner Zimmerwirtin und trifft die viel jüngere Irma, in die sie sich rettungslos verliebt. Ein neues Leben fängt an, diesmal auf der Erde. Nelly spürt, was ihr Herz noch zu leisten vermag, dass man auch ohne Flugzeug fliegen kann. Schon bald wird ihr jedoch klar, Irma verbirgt etwas vor ihr.

 

»Aris Fioretos schenkt uns die vielleicht schönste Prosa in der gegenwärtigen schwedischen Sprache mit ihrer exakten Ruhe, der Fähigkeit, sich tiefer in das Dasein des Menschen zu bohren . . . Man kann das Buch als ergreifenden Liebesroman, als modernen Entwicklungsroman, als romantische Tragödie oder als einen Traum von Freiheit lesen.« Upsala Nya Tidning

 

Ein mitreißender Roman über eine Flugpionierin im Berlin der zwanziger Jahre. Aus einem aufregenden Leben wird Literatur: Aris Fioretos erzählt die Geschichte einer modernen, emanzipierten Frau und einer großen, tragischen Liebe.

 

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Aris Fioretos, 1960 in Göteborg geboren, ist schwedischer Schriftsteller griechisch-österreichischer Herkunft. Bei Hanser erschienen zuletzt Mary (Roman, 2016) und Wasser, Gänsehaut (Essay über den Roman, 2017). Er hat zahlreiche Preise erhalten, darunten 2017 den Jeanette Schocken Preis der Stadt Bremerhaven. Aris Fioretos lebt in Berlin und Stockholm.

 

Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, übersetzt Literatur aus dem Schwedischen und Norwegischen, unter anderem Johannes Anyuru, Karl Ove Knausgård, Håkan Nesser und Fredrik Sjöberg. 2005 erheilt er den Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie, 2014 den Jane Scatcherd-Preis.

Auszug

Ich möchte etwas über Haut ergänzen.

Es gibt drei Arten, denke ich, als ich die Badezimmertür abschließe. Die erste Sorte ist die, von der man normalerweise spricht. Es ist die Haut ohne Anführungszeichen, mit der wir frieren und schwitzen; die kitzelt oder trocken wird und aufplatzt, die errötet, von der Sonne verbrannt und vor Furcht oder Verzückung zur Gänsehaut wird. Dann gibt es noch die Haut im übertragenen Sinne. Sie legen wir uns zu, um einem Bild zu entsprechen, das andere von uns haben, oder um zu zeigen, wie wir uns selbst sehen. Diese Haut besteht aus Kleidern und Gesten, Bewegungen und Regeln, sie ist eine Hülle, die Menschen freiwillig anlegen, aber auch aufgezwungen bekommen, und die sie nicht ablegen können, ohne in einem bestimmten Zusammenhang ihre Rolle zu verlieren.

Wenn ich an die erstgenannte Haut denke, meine ich die Hände, mit denen ich das Wasser in der Badewanne prüfe, Blasen auf Grund neuer Schuhe und die Abdrücke, die Unterwäsche hinterlässt. Letztere ist das Mädchen in steifer Schuluniform und die Bildhauerin im fußlangen Kleid unter einem weißen Kittel, der es ihr, wenn er bis unten zugeknöpft wird, unmöglich macht, richtig in die Knie zu gehen. Sie ist auch die Zuhörerin in der Technischen Hochschule Dresden, die einen Strich unter die Berechnungen zieht, die sie soeben durchgeführt hat, ehe sie die Zettel, die der Banknachbar beharrlich hinüberschiebt, unangetastet liegen lässt und leise den Saal verlässt. Sie trägt ein Reformkleid und besucht den Hörsaal nicht, um ausgeführt zu werden, sondern etwas über Luftfahrt zu lernen. Sie ist die Mechanikerin, die eine Dichtung eine letzte Runde dreht und innehält, kurz bevor sie reißt, die Chefin, die auf einer Schreibmaschine hämmert, und die Ehefrau, die hinter einer Scheune Laken verbrennt.

Und dann ist da schließlich die Haut, die man nur bekommt, wenn man nicht essen kann, weil alles, was sie umschließt – jedes Gefäß und Organ, jeder Nerv, jedes Gewebe – von einem anderen Menschen in Anspruch genommen wird. Diese dritte Sorte Haut sollte mit speziellen Buchstaben geschrieben werden, weil sie aus dem besteht, was man als Dünnhäutigkeit betrachten kann. An sie denke ich, als ich in die Badewanne sinke, nachdem ich jedes Kleidungsstück einzeln an mein Gesicht gedrückt habe, in der Hoffnung fremde Gerüche einzufangen.

Über die haut lassen sich Dinge sagen wie:

»Alles an mir ist Kohlensäure.«

»Schwester, ich brenne!»

»Wo du anfängst? Und ich aufhöre? Das lässt sich doch unmöglich sagen.«

Solche Sätze kommen erst nach den anderen Sorten Haut. Zu diesem Zeitpunkt isst man schon wieder normal und liegt nicht länger wach, erfüllt von wärmster Qual. die haut ist die wahre Haut. Sie liegt innerhalb der anderen und geht dennoch über sie hinaus. Man erlebt sie nur, wenn man von der Haut eines anderen aufgewühlt wird, sich konzentriert fühlt, obwohl die Welt sich soeben in zärtlichster Auflösung befindet. Ich sollte dieses Wort kursiv schreiben, denn Wenn ich es recht bedenke, erlebe ich so die haut: Sie konzentriert mich. Auf einmal geht alles leichter und Lichtjahre schneller. Warum? Weil alles Unwichtige verschwindet. Alles, was nicht trägt und stärkt und weiterführt, alles, was nicht zur haut gehört.

Es geht vielleicht nicht verloren. Aber es ist bedeutungslos geworden, dass es das ruhig tun könnte.

Nehmen wir eine Person, die gerade ihre Vermieterin gebeten hat, ein Bad nehmen zu dürfen, obwohl Mittwoch ist und sie eigentlich bis Samstag warten müsste. Jetzt hat sie die Haut im übertragenen Sinne ausgezogen. Niemand sieht sie in diesem Moment, und sie selbst interessiert sich nicht dafür, wer sie zufällig ist, nur dass sie ist. Als sie sich in die Wanne sinken lässt, singen die Adern; gleich darauf gluckert es an den Achselhöhlen. Alles verdichtet sich, bis die erste Haut gespannt und heiß und dennoch durchlässig wird. Letzteres ist wichtig, sonst könnte sie die dritte Sorte Haut nicht erleben. Und genau das tut sie. In diesem Moment, während die zweite Haut in einem Haufen auf dem Fußboden liegt, weiß sie, dass der Ansturm sie ebenso gut von außen wie von innen treffen kann, und ihre Rettung sein wird.

Ja, die haut ist der Ort, an dem man gerettet wird. Sie lässt einen Menschen nicht denken: Ich bin daheim. Sie lässt ihn nicht feststellen: Ich befinde mich jenseits meiner selbst. Sie lässt ihn sagen: Ich bin überall, aber trotzdem gerade hier, gerade jetzt, jung und unbenutzt in diesem heißen, dampfenden Wasser. Deshalb empfindet eine solche Person vor allem eins: Konzentration.

 

(S. 91–93)

Rezensionen

»Fioretos orientiert sich in seinem Roman lose an einigen Eckdaten ihrer Biographie: die Ehe mit einem Franzosen, das Studium der Bildhauerei an der Kunstakademie Stockholm und der Freitod im Jahr 1925. Der Rest ist Fiktion, künstlerische Freiheit – und daraus schöpft Aris Fioretos den Stoff für einen wirklich großen, an Themen, Motiven und Zeitkolorit reichen Roman. . . . [Die Hauptperson] trennt sich von [ihrem Ehemann]; das Fliegen wird sie allerdings bald in einer neuen Variante kennen lernen, denn sie begegnet der 14 Jahre jüngeren Irma. Bei Nelly tritt ein Zustand ein, den sie als ›Kohlensäure im Blut‹ beschreibt. Die Amor fou zwischen den beiden Frauen mit allen ihren Höhenflügen – aber auch mit ihren Abstürzen – bildet das grandiose Herzstück des Romans. Wie sich die Anziehung hier ereignet, das schildert Fioretos in einer funkelnden und fein nuancierten Sprache, die auch zeigt, wie glaubhaft er sich in eine weibliche Figur hineinversetzen kann. Auch das brodelnde Berlin der 1920er Jahre mit seinen Vergnügungen vom Autorennen, dem Kino bis zu den Nachtclubs lässt er in wunderbaren Tableaus aufleuchten. Vor allem aber ist Nelly B.s Herz ein faszinierender Roman über den Rausch in allen seinen schönen und gefährlichen Facetten: Den Rausch, den man beim Sich-Verlieben erlebt, den Rausch des Fliegens – und am Ende ist es auch ein Roman über den Rausch der Drogen.« – Anja Höfer, Frankfurter Rundschau

 

»Der Roman steigt ein, als Nelly die Fliegerei auf Anraten der Ärzte aufgibt. Die gebürtige Dresdnerin leidet an einer Herzinsuffizienz. Die Medikamente, die sie nimmt, können süchtig machen. Fioretos legt seine ganze psychologische Sensibilität in Nellys Liebeswirren. Es ist bemerkenswert, wie viel Energie er darauf verwendet, Nellys Stimmungen zu erfassen, das Zweifeln und das Jubilieren. Ein ums andere Mal lässt er sie ihren Beziehungsstatus analysieren. . . . Nelly B.s Herz ist der Roman einer emanzipierten Frau. Dabei geht es ihr nicht um Frauenrechte, wie sie sagt, sondern um Menschenrechte.« – Martin Oehlen, Frankfurter Rundschau

 

»So lässig sich die Erzählerin gibt, so verletzlich und verletzt zeigt sie sich. Diese Literatur ist auf unterhaltsame Weise ausgewogen. Klar und ruhig ist die Prosa, während es in den Flugzeugen, die Nelly steuert, bestimmt laut war und oft geruckelt hat. Das lautmalerische Spiel mit Geräuschen und Gerüchen, mit haptischen und olfaktorischen Sinneseindrücken, im Bett und auf der Straße, ist so stilsicher wie überraschend. Auch die Nebenstränge des Romans, etwa die Beziehungen in der Pension, in der Nelly nach Auszug aus der ehelichen Wohnung lebt, sind in der Gesamtkonstruktion überzeugend eingebaut. Was jenseits dieses gekonnten Handwerks noch lange nachhallt, sind die eindringlichen Schilderungen, wie sich Mensch und Maschine verbinden können, wie der Text eine Selbstfindung behutsam vorantreibt, die sich keineswegs in einer eindimensionalen Identität erschöpft. . . . Erfreulich, wenn biografische Literatur gelingt, und dann noch auf so überzeugend hohem Niveau. . . . Aris Fioretos erweist sich als kluger und eleganter Romancier.« – Carsten Otte, taz

 

»Wenn Aris Fioretos von seiner Figur Nelly B. und ihrer Leidenschaft fürs Fliegen erzählt, macht er dies so packend und bildreich, dass beim Leser direkt ein Kopffilm abläuft. Dieser Roman ist eine Bereicherung für die internationale Literatur und wird sicherliche viel Erfolg haben.« – Denis Scheck, WDR

 

»Aris Fioretosʾ Roman Nelly B.s Herz erzählt die hinreißende Geschichte einer spektakulär verliebten Fliegerin . . . Der Leser wird hingerissen sein vom Funkeln der Erzählung, von der Eleganz der Bilder und Nebenher-Erfindungen, mit denen Fioretos den Text schmückt.« – Claudia Tieschky, Süddeutsche Zeitung

 

»Mit diesem Roman lässt sich tief eintauchen in das Berlin der 1920er-Jahre, mühelos abheben in die Welt der Flugpionierinnen und der Liebe begegnen. Aris Fioretos hat ein kluges Buch geschrieben, das auch als Kommentar zur immer noch andauernden Debatte über Geschlechterrollen gelesen werden kann. Und das ist einfach schön geschrieben ist. . . . Unbedingt lesenswert!« – Katja Weise, NDR Kultur

 

»In diesem äußeren, tragischen Verlauf stimmt das Leben der historischen Melli Beese mit der Geschichte der Romanfigur Nelly B. überein. Doch trotzdem hat der schwedische Schriftsteller Aris Fioretos keinen schlichten biografischen Roman geschrieben, der lediglich die Fakten erzählerisch aufbereitet. Fioretos konzentriert sich stattdessen auf die Leerstellen und Lücken in dieser Lebensgeschichte – und füllt sie mit seiner literarischen Fantasie. Somit ist seine Protagonistin ein erfundener Charakter, was der Autor bereits durch die Namensgebung deutlich macht. . . . Aris Fioretos stattet die Liebesgeschichte zwischen den beiden Frauen mit erotischen Szenen aus. Ein Mann schildert Sex zwischen Frauen: Begibt sich der Autor damit auf vermintes Gelände? Zumindest kann man sagen: In Zeiten einer permanent schwelenden Debatte über den politisch korrekten Umgang mit Geschlechteridentitäten gehört dazu Mut. Aber keine Sorge: Aris Fioretos belästigt seine Leserinnen nicht mit schlüpfrigen, voyeuristischen Männerfantasien. Vielmehr erweist sich der schwedische Schriftsteller in diesen Liebeszenen als eleganter Stilist, wie man ihn so oft nicht findet in der Romanliteratur. Er vermag es, sich sensibel in seine Figuren einzufühlen und die Antwort auf die Genderfrage dabei lässig seiner Protagonistin in den Mund zu legen: ›Ich habe nie verstanden, warum die Geschlechter Gegensätze bilden sollten oder warum es nur zwei Pole geben darf.‹« – Christel Wester, Deutschlandfunk

 

»Das Zusammensein beider Frauen schildert Firoretos auf poetische Weise: die Zartheit und Leidenschaft, das Gefühl, ganz Körper zu sein: ›Unter der Haut gibt etwas nach, wie eine Blume, die gerade ausschlägt‹, genauso wie die Eifersucht und Verzweiflung von Nelly, die von vornherein ahnt, dass ihr Irma mehr bedeutet als sie ihr. Als Bildhauerin hatte sie sich an Wolkenskulpturen versucht, um dem Flüchtigen Gestalt zu geben. Doch die Liebe lässt sich nicht auf diese Weise gestalten. Es ist ein Jahr voller Höhenflüge und Abstürze – nicht in der Luft, sondern im Herzen.« – Dorothea Westphal, Deutschlandfunk Kultur

Nelly B.s Herz

Roman · Deutsch von Paul Berf · München: Hanser Literaturverlage, 2020 · 333 Seiten · Umschlag: Hans-Peter Hassiepen · Foto: Charlotte Rudolph, Gret Palucca im Sprung, 1928

ISBN: 978-91-1-308455-8

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