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Klappentext

Aris Fioretos erzählt von einer jungen Frau unter der griechischen Militärdiktatur, die sich entscheiden muss: für ihren Freund – einen Anführer der aufständischen Studenten – oder für das Kind, mit dem sie schwanger ist, aber von dem der Freund noch nichts weiß.

»Es mag seltsam klingen, aber ich bin die einzige, die erzählen kann, wie ich endete.« Mit diesen Worten beginnt Mary, als alles vorüber ist, ihren Bericht von einer grausamen Zeit. Im November 1973 hat die Miliz sie vor der Hochschule festgenommen. In den Verliesen des Sicherheitsdiensts und auf einer Gefängnisinsel war sie Hunger, Kälte und Folter ausgesetzt. Aber sie erzählt auch von der Solidarität unter den gefangenen Frauen und davon, wie es ihr gelang zu überleben, ohne Verrat zu begehen. Von ihrer Herkunft und dem Bruch mit ihrer regimetreuen Familie, von dem verschwundenen Bruder und ihrer Liebe zu Dimos, dessen Kind sie unter dem Herzen trägt. Mit großer literarischer Kraft beschreibt Fioretos die existentielle Krise einer jungen Frau, die mit dreiundzwanzig Jahren vor einem unlösbaren Konflikt steht.

 

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Aris Fioretos, 1960 in Göteborg geboren, ist schwedischer Schriftsteller griechisch-österreichischer Herkunft. Bei Hanser erschienen Das Maß eines Fußes (Essays, 2008), Der letzte Grieche (Roman, 2011) und Die halbe Sonne (Prosa, 2013). 2010 hat Fioretos die erste kommentierte Werkausgabe von Nelly Sachs sowie eine Bildbiographie über die Autorin veröffentlicht. Für seine Übersetzungen – er übertrug u.a. Paul Auster, Vladimir Nabokov und Jan Wagner ins Schwedische – wie für sein eigenes Werk hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter 2011 den Literaturpreis der SWR Bestenliste, den Kellgren-Preis der Schwedischen Akademie und 2016 für Mary den Romanpreis des Schwedischen Rundfunks. Aris Fioretos lebt in Berlin und Stockholm.

 

»Von dieser Mary geht eine physische Präsenz aus, die mich beim Lesen mehr und mehr ergriff … Aus ihrer Verlorenheit entsteht schließlich eine seltsame Art von Glück, die auf den Leser überspringt, ohne dass ich sagen könnte, woher sie kommt.« – Ingo Schulze

 

Auszug

Als ich das nächste Mal sagen kann, dass mir bewusst ist, wo ich mich befinde, ist es schon Nacht. Ich habe mich nicht bewegt; es ist Vollmond. Sein mattes Licht fällt auf meine Beine, Hüften und Schultern, auf mein Gesicht, und irgendetwas sagt mir, wenn man mich in diesem Moment sehen könnte, aus Licht gestanzt, würde die vage Form, zu der ich geworden bin, schweben.

Ich drehe mich auf die Seite, schiebe die Knie hoch. Heidekraut, trockene Erde, die schwache Brise vom Meer. Wenn ich den Kragen der Jacke enger ziehe, nehme ich den Geruch von Zoes Seife wahr, die ich einsteckte, ehe ich die Medusastraße verließ. Palmolive. Wie lange das her ist. Als ich den Duft einsauge, erkenne ich, das Weit fort-Land ist nirgendwo anders als hier. Und dass Dimos, mein geliebter Baum, die Person, die er im Frühjahr kennenlernte, nicht mehr wiedererkennen würde. Von der Frau im Automatenrestaurant ist kaum etwas übrig. Die Menschen, aus denen ich nun bestehe, heißen Zoe, Ioulia, Rita, Lule, Fani … Sogar Iosif, und vielleicht auch Violeta. Ich wiederhole die Namen, immer leiser, bis sich nur die Lippen bewegen, und dann nicht einmal sie.

Ich weiß, dass ich in dieser Nacht nicht schlafen werde. Stattdessen habe ich vor, hier zu liegen, mit dem Ohr auf dem Heidekraut, und das eigentümliche Gefühl zu erleben, deutlicher von der Umgebung getrennt zu sein als je zuvor und zugleich keine Grenzen mehr zu besitzen. Seltsame Erleichterung durchströmt mich, eine Erleichterung, die gleichzeitig alle Trauer der Welt enthält, und die ganze Nacht, mehrere Wochen, die kommenden siebentausend Jahre andauern wird.

Rezensionen

»Wenn ein Buch es nicht schaffe, unter die Haut zugehen, hat ArisFioretos einmal gesagt, brauche es gar nicht erst veröffentlicht werden. Jetzt hat der schwedische Schriftsteller einen Roman vorgelegt, dessen Geschehen sichschmerzhaft in denLesereinschreibt und ihn in eine Schutzlosigkeit treibt, die zugleich eine Kraft hervorbringt, die mitten im Schrecken wächst. Was nach einem Paradoxon klingt, ist die große Kunst des Aris Fioretos. . . . Bewegt legt man das Buch aus der Hand und beginnt, in sich selbst nach den Reserven politischer und moralischer Courage zu suchen.« – Gabriele von Arnim, Der Tagesspiegel

 

»[E]in ehrenwerter, sprachlich hochdifferenzierter Roman, der auch vorführt, wie die Diktatur die Sprache missbraucht.« – Martin Ebel, Tages-Anzeiger

 

»… ein vorzügliches Stück Literatur …« – Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung

 

»Wenn Mary den Hunger mit schwarzen Aalen vergleicht, die sich in die Eingeweide fressen, oder die Wellen der winterlichen Ägäis sie an Vögel aus Blei erinnern, die vergebens abzuheben versuchen – dann spürt der Leser, dass es darum geht, um der Würde der eigenen Existenz willen die Grenzen des Sagbaren auszuweiten.« – Manuel Gogos, Neue Zürcher Zeitung

 

»Ein Weckruf zur Verantwortung vor der Geschichte.« – Oliver vom Hove, Wiener Zeitung

 

»Dass Marys Geschichte nicht Fioretos’ Geschichte ist, hat man vergessen, bis man anfängt, darüber nachzudenken, ob das nicht ein bisschen komisch ist. Dass da ein Mann schreibt, fast ein Nachgeborener, einer, der in Schweden aufwuchs, der die Geschichte höchstens geerbt hat. Mary hat die Authentizität, die Dringlichkeit, die sie als Kassiber aus dem Fegefeuer der Diktatur an die freie Welt braucht. Als Menetekel, als Erinnerung daran, was es zu verhindern gilt. In Griechenland und überall. Mary ist der Roman zur Zeit.« – Elmar Krekeler, Die Welt

 

»Es ist erstaunlich, mit welch feinen Antennen Aris Fioretos die unsäglichen Ereignisse berichtet, die chaotischen Empfindungen seiner Heldin auslotet und ihnen eine Sprache verleiht. Der Autor erspart ihr nichts: weder Tage und Wochen des grausamen Schweigens, noch qualvolle Augenblicke des Schmerzes. Im Zentrum dreht sich alles um die Angst und die Ungewissheit. Doch viel mehr wiegt die Würde, mit der Mary widersteht. Die Erinnerungen an Dimos, seine Haut auf der ihren oder kleine Glücksmomente wie der fast nur erahnte erste Fußtritt in ihrem Bauch halten Mary aufrecht. Aris Fioretos setzt nicht auf grelle Effekte. Das Schrecklichste bleibt im Kern unaussprechbar. Was sein Buch höchst ungemütlich macht – im besten Sinn –, ist die Konsequenz, mit der er die Erzählspirale unaufhaltsam anzieht und nach unten dreht. Schliesslich entdeckt auch der Kommandant Marys Schwangerschaft. Jetzt ist sie erst recht erpressbar. In letzter Konsequenz hilft ihr gegen diesen Terror keine Selbstbeherrschung. Der Vater oder das Kind. Mary entscheidet sich. Dafür erhält sie nochmals 40 Tage Schweigehaft. ›Erzähl‹, wird ihr von der sterbenskranken Ioulia am Schluss aufgetragen. Mary tut es, und berichtet, ›wie ich endete‹, mit nüchterner Exaktheit und im historischen Präsens, als wollte sie sich das Geschehene wie eine zweite Haut umlegen. Oder wie ein Leichentuch? Alles bleibt offen. Das Erzählen ist das einzige, was ihr bleibt.« – Beat Mazenauer, Literaturkritik

 

»Überhaupt, Farben und Formen, Konsistenzen und Körper: Aris Fioretos, Jahrgang 1960, ist ein fantastischer Beobachter all dessen, was Philosophen in der Nachfolge von Aristoteles als Akzidentien bezeichnet haben. Nur dass das Flüssige, Farbige oder Runde der Substanz in seinem Werk eben keineswegs nachgeordnet ist. … ›Die Trauer ist ein Geschenk‹, sagt die älteste Mitgefangene zu Mary, und: ›Erzähl.‹ Diese bittere Pille des Erzählens und Erinnerns hat Aris Fioretos in eine wahrlich grandiose Form gebracht.en auszuweiten.« – Jutta Person, Die Zeit

 

»[D]ieses Buch, das einer Figur bis in ihr Innerstes folgt, ist von einem erzählerischen Reichtum, wie er in der Gegenwartsliteratur nur selten begegnet.« – Ulrich Rüdenauer, Süddeutsche Zeitung

 

»Diese Passionsgeschichte ist nicht nur großartig erzählt, sondern zudem höchst politisch und aktuell. Weil sie zeigt, was Gefängnis und Folter anrichten können. … Die Prinzipien der Gewalt sind universell und auf alle Unrechtsregime anwendbar. Was sich in den Folterkellern dieser Welt abspielt, wird hier auf eine stille Weise geschildert, die deshalb umso eindringlicher und erschütternder ist.« – Dorothea Westphal, Deutschlandradio Kultur

 

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»Mit kleinen Mitteln und einer leichten, exakten und expressiven Sprache gelingt es Fioretos, eine Geschichte, die man ansonsten vielleicht schwerverdaulich gefunden hätte, glaubwürdig und lebendig zu gestalten. In seinen stärksten Passagen ist das Buch ein zutiefst schmerzhaftes und zugleich lebensbejahendes Erlebnis, ein Höllenritt mit einem untrüglichen Hoffnungsschimmer.« – Magnus Bremner, Svenska Dagbladet

 

»Aris Fioretos’ Buch ist eine beeindruckende literarische Leistung. Mit Mary stärkt er seine Position als eine wichtige und besondere Stimme in der schwedischen Romankunst. Ausgehend von einer scheinbar einfachen Geschichte hat er einen Text erschaffen, der ein ganzes Leben ist. Und genau darum geht es in diesem Buch wohl letztlich. Es will das Leben verteidigen. Mary trägt ein Leben in sich, sie trägt Erinnerungen in sich von Nähe, aber auch von Trauer, Wut und Enttäuschungen. Schon früh hat sie die Vergänglichkeit des Lebens erkannt. Bei Fioretos erinnert Mary sich an eine Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, bei der sie ›eine Gewissheit, dass alles, wirklich alles im Leben verschwindet‹ überkam. Kann ich damit zum Schluss kommen? Behüte das Leben, denn es wird verschwinden. Nur große Romankunst kann dies voller Ernsthaftigkeit sagen. Mary ist große Romankunst, weil der Roman Denken und Gefühl vereint, oder wie Mary sagt, als sie einen Granatapfel in der Hand hält: ›… er sah aus wie eine Kreuzung aus Herz und Kranium.‹« – Stefan Eklund, Dagens Nyheter

 

»Aris Fioretos hat ein lebenskluges Buch geschrieben, befreit von allen Pseudofragen unserer Zeit und auf die wesentlichsten Teile des Lebens konzenriert. Und vor Lebensbejahung leuchtend. Es erscheint mir fraglich, ob in den letzten Jahren und diesseits der Jahrtausendwende etwas Schöneres und Tröstlicheres auf Schwedisch geschrieben wurde als Mary.« – Bo-Ingvar Kollberg, Upsala Nya Tidning

 

»Fioretos’ Roman ist eine Erinnerung. Er gestaltet die Unterwelt der Wirklichkeit mit solcher Schärfe, Intensität und Brillanz, dass ich das Buch kaum aus den Händen legen kann. Es ist ein Alarm, der immer weiter schrillt, der Schrei der geraubten Persephone, der nicht verstummt. Ich denke an den IS, an Frauenhandel, an Gewalt in Beziehungen. Mary zwingt mich weiterzudenken.« – Maria Küchen, Sydsvenskan

 

»Der Inhalt ist in gewisser Weise vollkommen konventionell. Mary ist einer von vielen Romanen, die ein Bild von der Architektur der Unterdrückung zeichnen, Folter genauso schildern wie die Vergewaltigungen und die seelisch zermürbende Gewalt der Klaustrophobie. Und einer von sehr vielen politischen Romanen, die von einem historischen Ereignis ausgehen und eine Situation herausarbeiten, in der sich die Gegenwart spiegeln kann (in Tagen wie diesen nicht an Syrien zu denken, erscheint unmöglich). Beides meistert Fioretos sehr gut, aber die Gründe dafür, dass Mary als einer der besten Romane der letzten Jahre betrachtet werden muss, sind woanders zu suchen. Denn die unspektakuläre Größe des Romans liegt in seiner außerordentlichen, behutsam lyrischen Konkretion. Dem rauen Grau der Gefängniswände, der hereingeschmuggelten Seife, die von den Frauen unter den Fingernägeln gelagert wird, dem kleinen Leben – der Sonne, der Mandarine – das in Mary wächst. In einem Buch, in dem Gewalt und Despotismus leicht alle Aufmerksamkeit auf sich hätten ziehen können, ist die vielleicht stärkste Szene, wenn Mary, auf der Gefängnisinsel isoliert, Kalk mit Meerwasser mischt und das verfallene Haus neu streicht, in das sie verbannt wurde. Weiß leuchtet ihr langes Schweigen, zwischen den kalkfarbenen Wänden ist sie alleine mit einem Fötus, dessen Leben von den Kommandanten des Sicherheitsdienstes bedroht wird. Immer wieder soll sie ihren Freund verraten. Aber Mary schweigt. Es gibt keine Wahl, die richtig ist, keine Wahl, die sie retten könnte, und diese Unerbittlichkeit macht den Roman so traurig ergreifend, dass man am Ende nur noch weinen kann.« – Victor Malm, Expressen

 

»Der Baum und die Früchte, es gibt in diesem Roman einen Duft, der unverkennbar fioretisch ist, sowohl leidenschaftlich deutlich als auch vorsichtig flüsternd. Es geht um Politik und die Frage, was ein Mensch ist – und um Nahaufnahmen, Details, poetische Kunststücke in der feuchten Kälte des Mittelmeerwinters. Fioretos hat sich auch früher schon mit der zerrissenen Geschichte Griechenlands beschäftigt, in Mary begibt er sich geradewegs in eine Art Destillat.« – Ulrika Stahre, Aftonbladet

Mary

Roman · München: Carl Hanser Verlag, 2016 · 352 Seiten · Aus dem Schwedischen von Paul Berf · Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, nach einer Vorlage von Birgit Schlegel, gewerkdesign Berlin · Photo: Thomas Florschuetz, 2015

ISBN: 978-3-446-25270-7