In Die halbe Sonne geht es um einen Griechen, der in den fünfziger Jahren aus einem Bauerndorf nach Schweden aufbricht, ein ebenso erfolgreicher wie rastloser Arzt wird und nach der Militärdiktatur in die Heimat zurückkehrt. Ist das Buch autobiographisch – erzählen Sie die Geschichte Ihres Vaters?

 

Das Buch ist kein Roman, keine Biographie, keine Familiengeschichte. Doch trägt es von allem etwas in sich. Ich hoffe, es ist ein persönliches, aber kein privates Stück Prosa geworden. Vielleicht sollte man sich das Autobiographische an dem Text nicht als die Lammkoteletts mit Tsatsiki auf einem Teller vorstellen, sondern als die Gewürze. Es ist überall verstreut, auf allen Seiten.

 

Ihr Name ist griechisch, Sie schreiben auf Schwedisch, leben in Berlin und Stockholm – in welcher Sprache sind Sie zuhause?

 

Ich spreche alle drei Sprachen, wobei ich das Griechische auf Platz drei setzen würde und Schwedisch an die erste Stelle. Wortwörtlich wäre meine Muttersprache die Sprache meiner österreichischen Mutter, also Deutsch. Das war die erste Sprache, die ich lernte. Damals, Anfang der sechziger Jahre, waren meine Eltern noch nicht lange in Schweden und unterhielten sich in der Sprache, in der sie sich beim Studium in Wien kennengelernt hatten. Aber wie Sie hören, ist mein Deutsch nicht immer vertrauenswürdig. Das sind die Kollateralschaden des kindlichen Opportunismus. Als ich fünf Jahre alt war, erkannte ich: Wir sehen nicht so aus wie die Familien meiner Freunde, wir haben andere Namen, wir essen nicht einmal dieselben Sachen. Für mich kam das einem Erdbeben gleich. Kinder sind ja nicht nur kleine Opportunisten, sondern auch große Konservative: Sie wollen Ruhe, Zuverlässigkeit. Also habe ich Schwedisch als Familiensprache eingeführt. Es war wohl meine Art, den Druck zwischen Innen- und Außenwelten etwas auszugleichen. Mit Hilfe des Schwedischen konnte ich die verschiedenen Räume meines noch sehr jungen Gefühlslebens a bisserl lüften.

 

Jetzt klingen Sie österreichisch – das Erbe Ihrer Mutter?

 

Ach, die Zunge macht, was sie möchte. Manche Austrizismen sind allerdings unschlagbar. Zum Beispiel könnte ich mir nie vorstellen, Pfannkuchen zu essen. Palatschinken sollte es schon sein.

 

Der Vater in Ihrem Buch vermisst die Wörter seiner Heimat, das Schwedische findet er „hart wie ein Kieselstein“. Ist Griechisch die poetischere Sprache?

 

Das hängt wohl vom Sprechenden ab. Jedes Idiom erzeugt seine eigene Bilderwelten – manche neigen zu Technicolor, andere entfalten lieber Nuancen, arbeiten mit Grau in Grau. Aber rhetorisch gesehen ist Schwedisch nicht unbedingt eine Sprache des Prunkvollen. Das hat sicher auch mit unserer nördlichen Sachlichkeit zu tun, mit der Wortkargheit einer protestantischen Bauernkultur. Die Griechen haben im Laufe der Jahrhunderte, die von wechselnden Autoritäten geprägt waren, eine besondere rhetorische Kultur entwickelt. Das Land wurde immer wieder besetzt: von den Venezianern, dem osmanischen Reich, später von der Wehrmacht, in den 1960er Jahren sogar von Einheimischen, den Obristen. Das hat dazu geführt, dass man die Kunst, das eine zu sagen, aber etwas anderes zu tun oder zu meinen, sehr verfeinert hat. Die Obrigkeit ist in Griechenland dazu da, ihr entweder zu widerstehen oder sie auszubeuten – was wir bis heute, in Form von unglaublicher Geldflucht und mangelnder Steuermoral, traurigerweise beobachten können. In einer so gearteten Kultur sind Wort und Tat oft unterschiedliche Größen. Wenn ein Schwede etwas sagt, kann man davon ausgehen, dass er es auch meint oder macht. Bei einem Griechen bin ich mir da nicht so sicher. Da wird gern durch die Blume gesprochen.

 

Ihre Leser interessieren vermutlich auch andere griechische Besonderheiten wie die desolate Situation des Landes. Wie reagieren Sie auf das Thema?

 

Früher oder später – meistens früher – kommt man bei Lesungen auf die miese Lage des Landes zu sprechen. Wahrscheinlich kann es auch gar nicht anders sein, mein vorletztes Buch hieß immerhin Der letzte Grieche… Als es auf deutsch 2011 erschien, war die Stimmung gereizt. Für einen Autor ist es aber keine besonders bequeme Rolle, den Weisen zu spielen. Sämtliche Probleme eines Landes in drei Sätzen zu erläutern ist nicht einmal uns gegeben, die sonst gerne den Mund aufreisen. Ich versuche, das eine oder andere deutsche Missverständnis aus dem Weg zu räumen, ohne die Lage zu beschönigen. Die griechische Geschichte mit ihren wechselnden Obrigkeiten erklärt sicherlich teilweise die Empfindlichkeit gegen Kommandos von außen – und auch dieses Sich-Winden, das Suchen nach Schlupflöchern, was wiederum hierzulande mit Kopfschütteln kommentiert wird. Die historische Betrachtungsweise entschuldigt aber natürlich keineswegs die Machenschaften Halbkrimineller, das Verhalten vieler Reicher. Das ist das wirklich Tragische: In Griechenland fällt gerade die Mittelklasse weg. Sie wird aber in jeder Gesellschaft gebraucht, um aufrecht gehen zu können. Es tut keinem Land gut, sich in dauerhaftem Spagat zwischen Reichen und Armen zu befinden.

 

Schweden, Deutschland, Griechenland – welches Land ist Ihre Heimat?

 

Auf meinem Pass steht Schweden, ich wohne in Deutschland und ich weile ausgesprochen gerne in Griechenland. Für mich ist Griechenland ein brüchiges Land, an der Grenze zwischen Ost und West, in dem sich das Jetzige mit dem Byzantinischen, dem Balkanischen mischt, mit Liedern aus der Armenien, Gerichten aus Anatolien. Aber Heimat? Das kann nur mein Schreibtisch sein. Ihn nehme ich überallhin mit, wie einen fliegenden Teppich mit vier Beinen.

 

© Anna Goebel und Süddeutsche Zeitung 2013

Zwischen den Welten

Interview · Von Anne Goebel · Süddeutsche Zeitung  · 24. April 2013